Selbsterhaltung statt Selbstentfaltung
Der Soziologe Philipp Staab sagt (aufgelesen hier), dass wir unterwegs sind vom Paradigma der Selbstentfaltung zur dem der Selbsterhaltung: Die zukünftigen Gesellschaften werden sich mehr daran orientieren, wie sie überleben, als wie sie sich entfalten und gedeihen. Das ist frustrierend. Ein erheblicher Teil der jetzigen Gesellschaft will das nicht wahrhaben und hat Klimaleugner zu diversen Präsidenten und Wahlsiegern gemacht.
Es ist aber auch kein „Betriebsunfall“ (schreibt Die Zeit). Visionen sind leicht, wenn die Zukunft freundlich, offen und besser ist als die Gegenwart. Dann machen sie Lust und Neugier. Dann gehen wir gerne schlafen und wachen gerne in einem besseren Morgen auf. Visionen sind schwer, wenn die Zukunft uns Angst macht, wenn die basalen Grundannahmen unserer Gesellschaft gerade brechen wie trockenes Holz: Freiheit? Demokratie? Zusammenhalt? Gewaltloses Miteinander? Klima? Biodiversität? Wirtschaft? Arbeitsplätze? Das sind alles implizite Annahmen über die Zukunft, die derzeit wanken. Weder können wir uns darauf verlassen, dass es sie morgen noch gibt, noch können wir sicher annehmen (und das ist noch schlimmer), dass sie uns als Ressourcen zur Bewältigung der Situation zur Verfügung stehen.
Mag sein, dass vieles davon ein Wohlstandsproblem ist: Mehr zwei Drittel der Menschen leben schon jetzt nicht in Freiheit und Demokratie (steht hier). Fast eine Milliarde Menschen ist im Alltag von Gewalt bedroht (steht hier). Eine Dreiviertelmilliarde ist unterernährt (steht hier). Sie kennen das ohnehin nicht, was wir haben. Das macht es aber nicht besser.
Kollaps ist nicht Untergang
Als ich am 5. November schlafen ging, hatte ich noch Hoffnung: Die US-Präsidentenwahl war geschlagen, aber nicht ausgezählt. Als ich am 6. November aufstand, reichte ein Blick, und ich fühlte mich, als ob jetzt das Ende der Welt da wäre. Und doch stand ich auf, trank Kaffee, umarmte meine Familie, ging zu meinem Kundentermin. Wir sind uns selbst lebender Beweis, dass es doch weitergeht. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass alles vorbei ist, wenn etwas Beängstigendes passiert. Das Wesen der Transformation ist, dass wir uns darauf einstellen müssen, dass wir weiterleben werden, ohne alldie Grundannahmen, die uns Sicherheit geben – aber wie? Es gibt einen ganzen Wissenschaftszweig, die „Kollapsiologie“, die sich damit beschäftigt, möglichst genau vorauszusehen, wie etwas zusammenfällt, und zwar mit dem Ziel, die dann möglichen Lebensbedingungen zu erkennen: Sie hilft uns, zu überleben.
Visionen helfen, das Überleben zu gestalten
Wenn uns also die Kollapsiologie zeigt, wie Lebensbedingungen aussehen werden, dann helfen uns Visionen dabei, sie kreativ mit Leben zu füllen. So stellen sich Architekt:innen die Städte der Zukunft vor. Irreal, futuristisch, aber inspirierend.
Dafür brauchen wir also Visionen. Da gibt es aber ein Problem: Ich habe schon mal (hier) von der Erkenntnis berichtet, dass wir Menschen uns Zukunft schlecht vorstellen können, weil wir weitgehend emotional gesteuert sind, und unsere Affekte kennen nur das Hier-und-Jetzt. Wir können Zukunft nicht gut fühlen. Also müssen wir uns „in sie hineinversetzen“, sie erlebbar und fühlbar machen. Wir müssen Zukunft emotional begreifen. Aber die derzeit absehbare Zukunft riecht scharf nach Untergang! Das tut richtig weh und macht richtig Angst. Aber hoffnungslos ist das nicht. Es gibt Methoden dafür, zum Beispiel den Ansatz von Joana Macy mit „Active Hope“ (der wird nochmal ein eigener Blog). Es ist nur schwerer.
In der Organisationsentwicklung machen wir genau das: Wir schärfen unseren Außenblick, wir versetzen uns in die Zukunft – und zwar auf der Basis dessen, was jetzt gerade ist. Wolkenkuckucksheime bringen niemandem etwas. Wir wollen Zukunft ja gestalten, nicht über sie träumen. Aber mit dem Träumen fängt es an.
Eines ist sicher: Gestern ist Bullshit.
Das Alte mit Gewalt am Leben halten hilft richtig gar nichts. Beispiel gefällig? Die österreichische Wirtschaftskammer rettet mit ihrem „Energiemasterplan“ keiner Wirtschaft ein Morgen, sie tragt zu unserem Ruin bei (Quelle hier). Wir wollen die Klimakrise bewältigen, nicht verschieben! Wer versucht, die Vergangenheit festzuhalten, erhöht nur die Klippe am Ende und vermehrt die Zahl derer, die über sie stürzen werden.
Ein paar zumindest erträgliche Visionen, wie das alles gut gehen kann, wären richtig nützlich, echt. Und – sie täten so gut!