Über das (Menschen-)Recht auf Zuhören

Kürzlich fand ich in einem Besprechungsraum einen A4-Zettel, auf dem stand "Grundrecht auf Kommunikation", gefolgt von 14 Rechten, die wir haben.

26. Januar 2025

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Die Aufzählung (siehe Foto, Klick aufs Bild vergrößert) geht vom Recht, „gehört zu werden und Antworten zu bekommen“ (links oben), über „direkt angesprochen zu werden“ bis zu „ein gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein“ (rechts unten).

dNun, der Zettel hängt in einer Tagesstätte für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, und das Plakat beschreibt spezifisch die Rechte genau dieser Menschen, aber mein erster Gedanke war: Haben wir das nicht alle? Und werden wir nicht alle immer wieder genau in diesen Rechten beschränkt?

Zuhören im Großen: Der Artikulationsort

Wir finden dieses Thema im Großen, zum Beispiel im Begriff des „Artikulationsorts“ der französischen Philosophin Cynthia Fleury: Das ist jener Ort, in dem Menschen ihre Situation benennen und ihre Bedürfnisse äußern dürfen – und damit gehört werden. Dabei ist wichtig, dass erst das Gehört-werden, sichtbar durch das Echo den Ort erzeugt. Wer nicht gehört wird, hat keinen Ort.

Nehmen wir als Beispiel „Fridays for Future“ (kürzlich hier in einem Blog beschrieben): 2019 waren die Straßen voll und die Medien auch. Die politische Macht war erfüllt mit Ankündigungen und Programmen – darunter durchaus große und wirksame wie den European Green Deal. Es verlieh den Aktivist:innen nicht nur Macht. Es setzte bei ihnen eine Menge ganz wichtiger psychischer Prozesse in Gang. Wer kennt das Gefühl, in einer Runde eine unbequeme Wahrheit anzusprechen (diese Formulierung ist von Al Gore geklaut), und plötzlich bewegt sich was? Der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen sagt (hier in der Zeit): „Das Gehörtwerden ist eine der beglückendsten Erfahrungen des Menschen überhaupt. Eine tiefe Würdigung der eigenen Geschichte und der eigenen Person.“ Es verleiht Würde, und es ist die Basis für individuelle und kollektive Selbstermächtigung.

Dann kam Corona, und die Massenbewegung ertrank in Lockdowns und Verschwörungstheorien. Kurz danach kam die „Letzte Generation“ und klebte sich auf die Straße. Das mag man sehen, wie man will, aber es zeigt, dass auch Polarisierung einen Artikulationsort schafft.

Aber Der Blick aufs „Mittelgroße“ reicht auch: Wenn in einem Unternehmen die Kultur vorherrscht, dass man in der Kaffeeküche maulen darf, aber in den Besprechungen sich „am Riemen reißen“ und „das Ziel im Blick behalten“ muss, dann geht ein wichtiger Artikulationsort verloren – insbesondre der Ort für aktive Teilhabe an der Organisation.

Aber der Verlust von Artikulationsräumen passiert nicht einfach, das wird gemacht. Wir können nicht immer gleich nach dem Täter rufen und müssen es auch nicht: Es reicht, uns dem Machtbegriff von Foucault anzunähern, der nicht fragt „wer übt Macht aus?“ sondern: „wie wirkt sie auf mich?“ Schon sehen wir die Ausformungen struktureller Macht. Zum Beispiel: Wenn uns Algorithmen mäßigende und differenzierende Meinungen ausfiltern, geht uns der Artikulationsort dafür verloren, und schon mäßigt und differenziert niemand mehr.

Die Wirkung auf die Person, wenn der Artikulationsort verloren geht, ist fatal: Man verstummt, wird depressiv, verletzlich, zieht sich zurück. So wie Fridays for Future oder die „Letzte Generation“.

Die Wirkung auf das System ist ebenfalls fatal, weil ihr eine wichtige Funktion verloren geht: Die der Breite des Blicks. Wenn zweifelnde Stimmen nicht artikuliert werden können, wird die Organisation langsam und unmerklich steriler und ärmer. Die spannenden Mitarbeitenden gehen weg, die stummen und radikalen bleiben.

Das wünscht man keiner Organisation, die leistungsfähig, innovativ und länger am Leben bleiben soll.

Artikulationsorte haben einen Zweck

Organisationen sind keine „Gefühlssache“ – ihr Handeln basiert primär auf Zweckrationalitäten. Aus diesem Kontext können wir feststellen: Artikulationsorte erfüllen einen Zweck. Die Organisation braucht sie.

Ich sehe sie als Räume, die ein „kommunikatives Echo“ haben: Man kann etwas sagen, und man spürt Wirkung zurück. Die Dosierung zwischen „zuviel“ und „zuwenig“ ist eine der Dinge, die wir in Change-Prozessen steuern.

Aber … ganz persönlich?

Und dann kam mir der Gedanke: Wie schwer ist es, Menschen diese Rechte immer zu gewähren? In einem bestimmten Moment bin ich der einzige, der dieses Recht gewähren kann, hier und jetzt. Welche Macht, und welche Last.

Wir müssen damit umgehen, dass wir das manchmal nicht wollen, zum Beispiel, wenn uns Person oder Botschaften des Gegenübers so stören, dass wir es lieber verdrängen. Formen gibt es davon viele: Abwehr, Abwertung, Weghören, Themawechseln. Es kann aber auch sein, dass wir gerade nicht können: überlastet oder überfordert und unfähig, die Konzentration aufzubringen.

Wie können wir damit umgehen? Oben erwähnter Medienwissenschafter Pörksen sagt: „Wir sind Profis der Ignoranz. Weghören stabilisiert uns.“ Es ist also eine Schutzfunktion. Mir fallen zwei Methoden ein:

Zum Einen kann ich mich darauf konzentrieren, „in welcher Welt das, was mein Gegenüber sagt, Sinn macht“ (um nochmal Pörksen zu zitieren; Er ist dazu für seine Studien über mehrere Jahre in fremde Räume fremder Menschen gegangen, um das zu erleben). Das kann natürlich ordentlich irritieren, aber die Irritation ist zwischen zwei Weltsichten, und das ist gut so – wer weiß, welche von ihnen die richtige ist, sage ich mal ironisch (z.B. hier).

Verschiedene Weltsichten sind was Normales

Ich helfe mir damit, dass Differenzen zwischen Weltsichten etwas Normales sind. Es gibt ja soviele, schon alleine in mir selbst. Da macht eine Weltsicht mehr oder weniger nicht soviel aus. Diese Haltung ist auch ganz nützlich, um nicht meiner Sehnsucht zu verfallen, dass es eine richtige Weltsicht gäbe, gottbehüte womöglich meine eigene. Das soll die moralische und politische Dimension nicht wegwischen, sondern nur unterscheiden.

Das Erleben einer mir fremden Weltsicht führt mich aber unverhofft in das Erleben meiner inneren Widersprüche. Ich muss aushalten, dass ich mir mit mir selbst nicht einig bin. Das ist ein wichtiger Entwicklungsimpuls, den ich nicht missen möchte (von angenehm rede ich da nicht). In diesem Sinne ist das ein Akt der Disziplinierung: Wir können einander ohne Befriedung der eigenen Antriebe nicht zuhören.

Das alles hilft nichts, wenn ich erschöpft bin. Aktives, empatisches Zuhören ist ja richtig anstrengend. Deswegen müssen wir sie dosieren. In Workshops wechseln wir Formate mit verschiedenen Formen und Intensitäten der Aufmerksamkeit, und wir steuern, welche Formen der Aufmerksamkeit (z.B. bewusst oder unbewusst, rational oder affektiv) für den aktuellen Schritt nötig sind. Und ich habe gelernt, meine eigene Aufmerksamkeitsspanne zu managen. Während Workshops kann es sein, dass ich zwischendrin fünf oder zehn Minuten in einem reizarmen Raum verschwinde und still sitze.

 Was bleibt, ist Risiko

 Was bleibt, ist das Risiko: „Wirkliches Zuhören kann das eigene Leben umstülpen“, sagt Pörksen. Ein bisschen wagemutig sage ich mal: Sei’s drum: Die Change, dass es vorher verkehrt rum war, ist groß.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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