Das Team hat mehr als ein Dutzend Mitglieder im Außendienst. Sie sehen einander selten. Der Koodinator teilt die Touren ein. Und immer wieder kommt das Gefühl auf: Da ist was nicht gerecht: Die machen immer die miesen Touren, der ist immer krank. Was sie gut können: Sie sprechen die Differenzen an, sie hören einander zu und legen Konflikte bei. Wo es dann mal nicht gerade geht, können sie benennen: „Du könntest einfach mal danke sagen.“
Ich finde, das Team macht das richtig gut, denn darin verborgen sind zwei ganz verschiedene Aspekte, die ein Team ausbalancieren muss:
Ein Tauschgeschäft
Arbeiten in einem Team ist zum Teil ein Geben und Nehmen: Ich leiste und bekomme was. Das ist nicht notwendigerweise nur Geld, denn wir alle arbeiten für viel mehr als Geld. Es geht um Status, um wechselseitige Vorteile, und auch um den Freiraum zur Selbstverwirklichung – das, was Kurt Goldstein „Selbstaktualisierung“ nennt.
(Klammer auf: Damit meint Goldstein, dass wir intuitiv und meist unbewusst nach einer Selbstdefinition als Individuum suchen, und das tun wir in Beziehung mit unserer Außenwelt – von was sonst sollen wir uns auch unterscheiden, um uns individuell zu fühlen? Und er beschreibt, dass wir dabei eine spezifische Auseinandersetzung mit der Umwelt auf Basis der eigenen Kompetenzen schaffen. Die Quelle ist übrigens hier. Klammer zu.)
Die Basis dieses Gebens und Nehmens ist also ein Tauschgeschäft, und dessen Wesen ist, dass es ausgeglichen ist. Bei einem Einmalgeschäft muss die Transaktion selbst als ausgeglichen wahrgenommen werden. Bei einer regelmäßigen Beziehung muss ich es wenigstens von der gesamten Austauschbeziehung so wahrnehmen. Tauschbeziehungen brauchen keinen Dank: Ein „Bitte“ und „Danke“ ist Konvention.
Nun sind aber Teams dadurch charakterisiert, dass sie dynamisch und mit unterschiedlichen Kompetenzen arbeitsteilig ein gemeinsames Ergebnis verantworten. Sie übernehmen daher gemeinsame Verantwortung. In einer Arbeitsteilung ist es schnell vorbei mit einem genauen Feststellen, wer wieviel leistet und ob nicht jemand zuwenig tut. Tatsächlich gibt es in Teams temporär oder auch dauerhaft sehr große Leistungsunterschiede. Das ist nicht falsch, das macht sie leistungsfähig.
Geteilte Verantwortung
Was einem Team in einer solchen Situation hilft, ist ein guter Halt in dieser gemeinsamen Verantwortung. Wenn wir gemeinsam für ein Ergebnis verantwortlich sind, muss die individuelle Leistungsfähigkeit zurückstehen dürfen. Ein Team, bei dem alle als Erstes auf ihren individuellen „return on investment“ schauen, ist kein Team und wird nie leistungsfähig. Teams müssen diese unterschiedlichen Leistungsniveaus ausverhandeln, implizit oder explizit.
In einem solchen Fall können Leistungsunterschiede durch ein „Bitte“ und „Danke“ ausgeglichen werden. Es ist ein Zeichen tragfähiger Beziehungen, für jemand anderen etwas zu tun – auch wenn man es für etwas Drittes tut, nämlich das Gemeinsame. Wenn dieser Aushandlungsprozess misslingt, setzt sich eine Spirale der Nichtleistung in Gang. Das Ziel der Selbstoptimierung gewinnt die Oberhand über dem Ziel des gemeinsamen Ergebnisses.
Ungefähr ist gut genug
Keine der Faktoren können für sich „ganz gerade“ sein. Beide Faktoren brauchen ein gemeinsames Gleichgewicht. Für jeden der Faktoren gibt es einen akzeptablen Bereich, ein Zuviel und ein Zuwenig. Diese akzeptablen Bereiche legt das Team übrigens selbst fest, geleitet von ihrer Gruppendynamik und ihrer kulturellen Praxis.
In Supervisionen und Teamentwicklungen machen wir oft genau das klar: Wir machen diese meist impliziten Tausch- und Verantwortungsstrukturen sichtbar, besprechbar und die Differenzen lösbar.
Und dann wäre noch das Schenken
Und dann gibt es noch was Drittes: Das Schenken. Vielleicht bin ich da radikal, aber das Schenken ist für mich ein von jedem Austausch unabhängiger Akt. Ich gebe etwas weg, und es ist weg. Es ist Ausdruck einer Beziehung, und die bleibt. Wenn ich etwas zurück will, ist das Geschenk vergiftet.
Mir ist es sogar lieber, wenn meine Geschenke ungeniert weitergeschenkt werden, wenn sie nicht passen. Die Beziehung bleibt auch so. In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Fest mit viel freundlichem und liebevollem Beziehungsausdruck. Ist es nicht das, wozu uns Weihnachten einladet? Ich bin ich. Du bist Du. Wir sind. Ich mag dich.