Disruption in der Advocacy

Allerorten hören wir von Disruption. Damit gemeint ist, wenn ein Entwicklungssprung etablierte Formen von Arbeit, Produktion und Dienstleistung aushebt – Entwicklung macht einen Sprung und fegt eine Menge hinweg. Das Smartphone wird gerne solches genannt, durch das nicht nur Telefonbauer wie Nokia Hemd und Hose verloren, sondern auch Unmengen anderer Anbieter verschwanden – und neue […]

4 Okt, 2017

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Allerorten hören wir von Disruption. Damit gemeint ist, wenn ein Entwicklungssprung etablierte Formen von Arbeit, Produktion und Dienstleistung aushebt – Entwicklung macht einen Sprung und fegt eine Menge hinweg. Das Smartphone wird gerne solches genannt, durch das nicht nur Telefonbauer wie Nokia Hemd und Hose verloren, sondern auch Unmengen anderer Anbieter verschwanden – und neue entstanden. die „Plattform-Ökonomie“ ist eine andere: Große internationale Dienstleister, die Leistungen nicht anbieten, sondern nur vermitteln – von booking.com, Airbnb, Uber bis zu Ebay.

Als Berater im politischen Feld frage ich mich: Haben wir nicht auch eine disruptive Entwicklung in der Form politischer Interessenvertretung?

Zum Einen vermutlich nein, denn jene, die sich Interessenvertretung kaufen (großteils sind dies Unternehmen und nachgelagerte Organisationen), sind noch immer mit etablierten Methoden unterwegs. Der Job des Lobbyisten hat nicht ausgedient.

Zum Anderen: Die Zivilgesellschaft: Da tut sich was. Etablierte Organisationen wie Greenpeace haben ihre öffentlichkeitswirksamen Schornsteinbesteigungen weitgehend eingestellt. Bekannte Netzwerke wie Attac wurden weitgehend verdrängt – von wem?

Nun, Gründe kann man viele finden, aber einen Grund gibt es im Internet. Er heißt Avaaz, WeMove.eu oder #Aufstehn. Es sind neuartige Kampagnen-Organisationen, die in kürzester Zeit mit maximaler Internet-Mobilisierung Wirkung entfalten. Avaaz mit seinen weltweit 44 Millionen Kontaktadressen (die „Mitglieder“ genannt werden) testet seine Kampagnen an kleinen Samples ab und lanciert erst nach diesem Pretest. Dabei ist die Struktur der Organisation mehr als unklar. Andere sind da transparenter, aber alle eint das Prinzip, dass die schiere Geschwindigkeit der Mobilisierung großer Zahlen im Internet einen shitstorm entfesselt, der verbunden mit gut gezielten Aktionen hohe Wirksamkeit entfaltet.

Es funktioniert ganz anders als etablierte NGOs: Die Internet-Campaigner haben minimalen Staff, dünne Struktur, setzen auf latenten Empörungsthemen auf, ohne Know How in der Sache. Sie schwimmen mit dem „Stimmenmarkt“. Was gewinnt die Zivilgesellschaft dadurch? Sie gewinnt einen Teil ihrer Wirksamkeit auch in globalen Themen. Es ist teilweise auch auf globaler Ebene möglich, sachpolitische Meinungen in Engagement umzulegen und wirksam zu machen. Aber sie verliert auch: Das Moment, dass zivilgesellschaftliches Engagement auf entwickelten Beziehungen beruht, geht zurück. Avaaz ist alles mögliches, aber es ist eines nicht: Zivilgesellschaft. Leonhard Novy an der „Stiftung Neue Verantwortung“ in Berlin nennt die Beziehungen zu den neuen Internetplattformen „sprunghaft und lose“. Es entsteht zwar ein Gefühl von gemeinsamem Handeln, aber als „Gesellschaft“ wird da nicht gehandelt. Sollte Avaaz plötzlich schweigen, dann ist alles auch wieder still.

Wir stehen erst am Anfang einer Transformation, und sie hat viele Parallelen. Zum Beispiel jene, dass auch Parteien hochgezielt auf ganz wenige Schlüsseltehemen aufspringen und diffuse Botschaften absetzen, von denen sie wissen, dass sie ihnen den Wahlerfolg bringen – vermutlich egal, was sie nach der Wahl machen. Damit befeuern sie die Glaubwürdigkeitskrise der Politik, aber kommen an die Macht. Wohin wird das führen? Droht den Internet-MobilisiererInnen auch mal eine Glaubwürdigkeitskrise?

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