Geschlechts:neutrale Schreibweise

„Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen.“

So steht es im Artikel 7 des Bundesverfassungsgesetzes der Republik Österreich. Und genau mit diesem Satz verletzt die Verfassung schon ein bisschen die Norm, die sie aufstellt, denn es sind nur die Staatsbürger benannt. Nun mag man das als eine Spitzfindigkeit abtun, aber aus der Organisationsentwicklung wissen wir, dass die stärkste normierende Kraft die Kultur ist – das Set an impliziten Normen, Werten und Grundannahmen. Diese sind hör- und sichtbar, aber nicht explizit, sondern implizit: Über Symbole. Eines der Symbole ist geschriebener Text.

Also stellt sich die Frage für einen Organisationsentwickler, wie er damit umgehen will, und seine (also: meine) Entscheidung ist: In der Kultur meiner Beratung sollen alle Genderformen soweit als möglich vorkommen können, explizit und implizit. Soweit der Grundwert.

In der Praxis ist das nicht so einfach, schreibt der Gender-Spezialist Michael Wurmitzer im Standard: Es gibt eine Vielzahl an verschiedenen Gender-Bezeichnungen, und der Diskurs über eine mögliche genderneutrale Schreibweise ist ausufernd. Auch der Deutsche Rechtschreibrat hat kürzlich getagt (schrieb ebenfalls der Standard) und Gendern nicht in die offizielle Ortografie aufgenommen.

Meine Wahl, nachdem das Binnen-I (das eigentlich an der Wiege der ursprünglich feministischen Bewegung gestanden hat) weitgehend out (weil zu eingrenzend) ist und das Binnen*sternchen mehrere andere Probleme hat (u.a. ist es im Netz nicht barrierefrei), ist auf den Binnen-Doppelpunkt gefallen: Wir sind also Organisationsentwickler:innen.

Die Website ist groß und es wird einige Zeit brauchen, bis die Umstellung durch ist. Im Laufe des Jahres 2021 werden alle Texte durchforstet und umgeschrieben.

In der Annahme, damit nicht auf ungeteilte Zustimmung zu stoßen, verfolge ich meine Arbeitsform als Organisationsentwickler: Es geht nichts über eine überlegte Irritation, um eine verdeckte Auseinandersetzung zu einer offenen zu machen. Ich bin für Diskurs zugänglich. Schreiben Sie mir!