Seitdem „message control“ in der (Kurz’schen) Politik salonfähig geworden ist, hat sich eine Menge verändehat „selektive Kommunikation“ eine neue Bedeutung bekommen. Kürzlich hat sich die OECD besorgt gezeigt über die Medienfreiheit in (Kickl’s) Österreich, aber eigentlich führt unser Innenminister nur die Kurz’sche Linie weiter – über eine rote Linie halt, aber diese roten Linien sind immer relativ.

Wir verdecken damit aber die Erkenntnis, dass wir immer selektiv kommunizieren. Wir sagen nie alles – es würde uns und unsere Gegenüber schlichtweg überfordern. Sogar wenn wir in einem OE-Projekt Kommunikationen planen, kommunizieren wir (vielleicht sogar denselben Inhalt) an verschiedene Zielgruppen in ganz verschiedener Fristigkeit, mit verschiedenen Medien, und sogar mit ganz verschiedener Sprache und Bildern.

Was in beiden Fällen dahinter steht, ist die Haltung und Absicht, mit der wir dies tun, und da gibt es durchaus verschiedene Zugänge, um es vorsichtig zu sagen.

Auch im Change Management gibt es (grob vereinfacht) zwei verschiedene Philosophien: Die eine ist die des „Social Engineering“, bei der es darum geht, Menschen möglichst effizient dazu zu bewegen, etwas bestimmtes zu tun – in „guter“ oder „böser“ Absicht, ist nur eine Frage der Perspektive. Dazu habe ich zwei klare Aussagen: Erstens: Das ist Manipulation, und dass ich das böse finde, ist ein Werturteil, zu dem ich stehe. Zweitens: Das funktioniert auch nicht, denn es ignoriert den Menschen in seiner Gesamtheit, der irgendwann durchaus merkt, dass daran was stinkt, und das Vertrauen verliert. Und mit dem Vertrauen ist auch das Commitment verloren, und das Mittun. 60 bis 70 Prozent aller Change-Projekte scheitern, und „Social Engineering“ ist ein perfektes Ticket für das Abrutschen in diese Kategorie.

Dieses Misstrauen ist ein Qualitätssensor des Menschen. Wir können ihn trainieren oder abstumpfen, aber wir haben ihn. Wir Menschheit hätten kein Penicillin erfunden, wenn wir das nicht auch hätten. Wenn wir mit der Absicht, authentisch zu Beteiligung einzuladen, kommunizieren, dann ist „selektiv“ nicht das Problem. Dann werden die Menschen vertrauen können und in Kontakt treten, jede/r auf seine/ihre Art.

Die andere Philosophie ist eine, die ich „authentische Kommunikation“ nennen würde: „Was immer Du zu sagen hast, lass die Wurzeln dran, lass sie hängen, mitsamt der Erde, um klar zu machen, woher sie kommen“, sagte der amerikanische Autor Charles Olson.

Leider funktioniert das mit dem Misstrauen in der Politik anders, denn in der Politik haben wir Masseneffekte, die dieses Misstrauen oft zuschütten. Menschen, die authentisch kommunizieren, sind rar geworden, und erfolgreich sind sie leider auch nicht.

Aber seien wir mal fair: Nicht nur Kurz und Kickl manipulieren in dieser Republik. Seit Monaten zum Beispiel bin ich mit AktivistInnen der niederösterreichischen Landesregierung hinterher, die das Flüchtlingsheim St. Gabriel schließen und ihre kranken BewohnerInnen irgendwo weitab menschlichen Kontakts internieren will. Und auch wir bekommen lauter zynische, nichtssagende, weitgehend falsche Blabla-Antworten darauf. So schrieb ein Mitarbeiter des (FPÖ-)Asyllandesrates Waldhäusl, dass die (psychisch kranken, auf Betreuung, Medikation und Sozialkontakt angewiesenen) BewohnerInnen sich jetzt „über einen schönen Balkon“ freuen würden.

A propos St. Gabriel

Am Dienstag, den 2. Oktober, wird der Freiwilligenpreis des Niederösterreichischen Roten Kreuzes vergeben – eine der Nominierten ist Nadja Lehner, die Initiatorin der Bewegung für St. Gabriel. Den Preis verleiht (welche Ironie) die Landeshauptfrau, deren Regierung die ganze Misere verantwortet. Wir werden auch dort sein und sie an ihre Verantwortung erinnern. Wir freuen uns über Gesellschaft:

Dienstag, 2. Oktober 2018, 18:00, vor der Landesfeuerwehrschule Tulln, Langenlebarner Str. 106.

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