Wir schreiben Woche fünf des Corona-Lockdowns. Wir haben eine steile Lernkurve in digitaler Kommunikation hingelegt, und für meinen Teil kann ich feststellen:

  1. Ja, Videofonie ist eine gute Alternative, um Dinge gebacken zu kriegen, um die Arbeitspipeline am Fließen zu halten, und um den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Es ist auch ein guter Plan B, um sich wenigstens zwischendrin zu sehen und zu merken: Ja, da ist noch jemand anderer als die eigene kleine Kernfamilie. Es gibt uns noch als Team.
  2. Nein, Videofonie kann den persönlichen, physischen Kontakt nicht kompensieren, und in der Absenz wird immer klarer, wieviel wir implizit mitkommunizieren (was genau, habe ich schon hier geschrieben). Ich bin ehrlich: ihr geht mir alle ab. Die spannenden Gespräche, das sich-einlassen aufeinander, die Intensität einer echten Auseinandersetzung, die Umarmung der Freunde und Kolleginnen.

Haben Sie sich gefragt, wie das werden wird, wenn dann endlich der „Normalzustand“ zurückkehrt? Ich schon – zumindest die Sehnsucht danach habe ich. Oh, was für ein Irrtum.

Trügerische Sehnsucht

Woher kommt diese Sehnsucht? Es ist der Wunsch nach Vorhersehbarkeit. Das ist ein verständlicher Impuls. Er kommt aus der Sehnsucht nach Entlastung. Aber er ist erstens trügerisch, und zweitens vergibt er Chancen.

Das Trügerische an dieser Sehnsucht nach dem Rückwärtsgang ist, dass durch diese Krise Entwicklung geschieht. Und Entwicklung löst den alten Zustand auf – einen Zustand, der auf Annahmen, Bildern und vermeintlichen Gewissheiten beruht, die sich als falsch herausgestellt hatten. Wer konnte sich vor einem Vierteljahr noch vorstellen, dass ausgerechnet Mister Nulldefizit Blümel ein Budgetdefizit „koste, was es wolle“ verkündet? Dass die Politik plötzlich auf die Wissenschaft hört? Die Krise lässt uns eine Menge erfahren, was bisher undenkbar war. Wir können diese Erfahrung zwar wieder verdrängen, ersticken, verleugnen. Aber der Samen vergeht nicht mehr. „Normalität“ wie davor ist einfach nicht mehr möglich.

Chance: Es darf auch anders sein

Denken wir mal an unsere „Normalzustände“ vor dem Lockdown zurück. Haben wir davon nicht auch eine Menge verdrängt? Ewig warten auf das halbe Dutzend Unterschriften in der Hierarchie, der Kollege XY, der jede Diskussion erschlägt, der Chef, der nie zuhört. Wieviele „workarounds“ und informelle Netze haben wir geknüpft, weil die formellen etwas nicht leisten? Und wir nahmen es verdrießlich als Alltag – auch das ist Verdrängung. Es könnte doch auch besser gehen!

Enttäuschende Wirklichkeit

Und jetzt das: Wer auf eine Normalität ähnlich dem Vorher wartet, wartet wohl noch länger. Wir werden noch bis zur Verfügbarkeit einer Impfung „sozial distant“ bleiben und Beschränkungen in Gruppengrößen und Nähe haben. Und zwar voraussichtlich noch ein Jahr.

Ich denke: Jetzt ist „Danach“. Jetzt sind wir in einer neuen Normalität, weil der Zustand lange genug anhalten wird, um nicht einfach abwarten zu können. Und diese Normalität ist ungleich dystopischer als erwartet.

Wir haben uns das nicht ausgesucht, und trotzdem ist es ein Lernschritt. Wie gehen wir damit um, dass wir längere Zeit „Workshops“ haben könnten, die vielleicht ein angstbeladener Spießrutenlauf werden? Gruppendynamik-Trainings mit Gesichtsmaske? Dass wir die Kraft der großen Gruppe nicht nützen dürfen? Wird diese Normalität in unserem Unterbewusstsein verankern, dass wir füreinander zuerst Gefährder oder Gefährdete sind, und erst dann diese faszinierenden Wesen, deren Kontakt wir für unsere eigene Selbstbestimmung brauchen?

Mit der Dystopie trotzdem gut leben

Der Doyen der Theorien über Organisationskultur, Edgar Schein, sagte: Die unterste und wirksamste Schicht unseres Handelns sind die Grundannahmen: Das, was wir glauben, was ist. Ich für meinen Teil möchte meine Grundannahme beibehalten, dass andere Menschen spannend, interessant, überwiegend wohlmeinend und eine Inspiration für mich sind. Ich will nicht nur meine Gegenüber auf einen Meter Abstand halten, sondern vor allem die Angst vor ihnen – auch wenn die Covid-Einschränkungen länger anhalten.

Vielleicht wird ja der Umgang mit Maske und Abstand irgendwann zu einer Gewohnheit, die dem Kontakt nicht mehr so im Weg steht. Was wissen wir schon, woran wir uns gewöhnen können.

Und wenn nicht, dann gibt es ja noch Alternativen. Eine Kollegin sagte mir kürzlich „wenn das mit Video zur Regel wird, dann werde ich Gärtnerin“. Auch eine Option.

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