„Wer Fakten aufgibt, gibt die Freiheit auf“, sagt Timoty Snyder (hier), und er wird es wohl wissen, ist er doch eine Kapazität unter den Forschern über autoritäre Regimes. Mit Trump, Erdogan und Orban lässt sich dieser Satz zumindest gut plausibel machen. Praktisch alle Regimes mit Allmachtanspruch arbeiten damit, Fakten zu Bildern zu machen und umgekehrt. In der gestifteten Verwirrung lässt sich Deutungshoheit über schier absurde Dinge erringen, die im Diskurs nie halten würden. „Flood the zone with shit“, nannte diese Methode Trump’s Ex-Chefberater Steve Bannon, der auch die crème de la Rechtsextreme der Welt berät (von der NYT hier gut beschrieben).

Postfaktisch?

Das alles häuft sich gerade, aber wegen ein paar lügenden Politikern gleich das „postfaktische Zeitalter“ (z.B. hier) auszurufen, hält Snyder (in der NZZ) und auch Andere für einen Schwindel:  „Politiker haben immer gelogen. Im Krieg, heißt es, sterbe die Wahrheit zuerst, und das kann genauso für die Politik gelten.“

(Klammer auf: Begründungen dafür gibt es viele. Pinker begründet kartesianisch, das geht in etwa so: Wer argumentiert, dass die Vernunft am Ende ist, verlässt sich mit dieser Argumentation auf die Vernunft, also ist sie doch nicht am Ende. An der Vernunft zu zweifeln, zitiert Pinker den Philosophen Thomas Nagel, sei „ein Gedanke zuviel“, „wir glauben nicht an Vernunft, wie gebrauchen sie.“ Zumindest gebrauchen wir etwas, was wir dafür halten, denke ich – soviel Ironie muss drin sein. Man könnte allenfalls argumentieren, dass man unter den letzten Vernünftigen sei, und das ist aus meiner Warte aus zumindest schwer überheblich. Klammer zu.)

Doch nicht postfaktisch

OK, also nicht postfaktisches Zeitalter, aber wie dann mit der Wahrheit umgehen? Da schreibt nämlich – diesmal die Autorin Dorothy L. Sayers (hier, schön erklärt hier): „Fakten sind wie Kühe. Wenn wir sie ausreichend scharf ansehen, laufen sie üblicherweise davon.“ Also doch – sagen wir – nichtfaktisch?

Was Sayers damit meint, hat seine Wurzeln in der Erkenntnistheorie, also dem Versuch, „Wahrheit“ dingfest zu machen. Lange war der herrschende Diskurs, dass es Wahrheit und Wirklichkeit irgendwo gäbe, man müsse sie nur finden, oder sich ihr zumindest möglichst annähern (sagt zum Beispiel Karl Popper, der Begründer des „kritischen Rationalismus„). Im 21. Jahrhundert hat sich die Lehrmeinung der Soziologie durchgesetzt, dass man Wahrheit nicht finden, sondern nur machen kann: Sie ist ein begrenzter Ausschnitt, der im Kontakt zwischen Menschen entsteht (Die Systemiker haben diese Definition nicht erfunden, sondern nur übernommen). Die Theorie kurz gefasst:

  • Betrachten wir Wahrheit lieber als eine temporäre, interpersonale Konstruktion, geboren aus sozialer Interaktion. Vereinfacht: Wir schaffen Wahrheit, indem wir uns auf etwas einigen.
  • Nehmen wir an, wir könnten auch nicht direkt darüber reden, sondern nur mittelbar – wir kommunizieren über „codes“, Gesten und Symbole, also etablierte Deutungen (das besagt z.B. die Theorie des symbolischen Interaktionismus). Wir einigen uns also nicht auf etwas Wahrgenommenes, sondern auf übereinstimmende Codes – die Psychologie nennt das „Deutung“.
  • Dem folgend könnten wir also gar nichts „Neues“ unmittelbar in Erfahrung bringen, weil wir nur Bezüge zu bestehenden Deutungen erkennen können. Wir können nur die Irritation der Differenz erkennen.
  • Dafür gibt es auch eine Methodik, die heisst: schrittweise annähern. Wir müssen einen Reiz erleben, ihn interpretieren, dadurch ändert sich unser Deutungsrahmen, und dann können wir denselben Reiz wieder neu sehen, undsoweiter. Das nannten die alten Griechen „mimesis“. Wir OrganisationsentwicklerInnen nenne es die „systemische Schleife“.
  • Dieser Schleifengang schafft uns auch gleichzeitig Sozialstruktur (sagt Bourdieu) und Machtverhältnisse (sagen Marx und Hegel).

Das ist die Kuh, von der vorhin die Rede ist: Was wir für Fakten halten, stellt sich beim scharf-Hinsehen als eine soziale Konstruktion heraus.

Ohne Kuh keine Milch

Wie kommen wir mit diesem Dilemma zurecht, dass wir uns permanent an Fakten festhalten, die weglaufen, aber ohne gehts auch nicht?

Damit lebt die Wissenschaft schon lange Zeit: sie baut sich Theorien, etwas flapsig gesagt: handhabbare Halbwahrheiten, mit denen sie gut arbeiten kann. Sie sucht sich also Kühe, die nicht sofort weglaufen, sondern lange genug stehen bleiben, um sie zu melken. Eine Theorie hält sich so lange, bis sich eine bessere – nein, nicht findet: durchsetzt, also: geglaubt wird.

Exkurs: Seit der Zeit der alten Griechen glaubte man, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums. Dass sich einige Himmelskörper (unsere Planeten) etwas eigenartig verhielten, erklärte man mit der Epizykeltheorie, die deren Bewegung sogar leidlich präzise voraussagen konnte. Das hielt etwa 2000 Jahre, bis Galileo behauptete, die Sonne sei die Mitte. Er hatte aber keinen Beweis. Er nahm nämlich an, die Planeten hätten Kreisbahnen um die Sonne. Damit waren alle seine Rechnungen falsch. Er hatte als Beleg nur ein Fernrohr, das er selbst mit eingeschmuggelten niederländischen Linsen gebaut hatte, mit der er Jupiter und seine Monde sah – ein Analogieschluss. Erst als Kepler 1609 Ellipsenbahnen annahm, funktionierte die neue Theorie.

Praktisch alle unsere Organisationstheorien sind solche Kühe. Sie sind Annahmen darüber, wie Menschen sich in unserer sozio-ökonomisch-technischen Umwelt (noch so eine Kuh) zusammenfinden zu persistenten Strukturen. Wenn wir scharf hinsehen, können wir nicht beantworten, woher und wie das kommt und wohin das führt. Aber so lange die Theorie in der Praxis hält, lässt sich mit ihr gut arbeiten. Auch Die Gruppendynamik ist so eine Kuh, von der Klaus Antons selbst sagt, sie sei eine „Meso-Theorie“, angesiedelt einerseits zwischen der Psychologie des Menschen mit seinen Phänomenen des unmittelbaren Kontakts, und den großen alles erklärenden wollenden Theorien wie die Theorie der geschlossenen (Luhmann) oder offenen (von Bertalanffy) Systeme.

Handeln auf schwankendem Boden

Wir müssen also mit dem Dilemma leben, auf einem menschgemachten Boden der Erkenntnis zu stehen, der permanent schwankt. Wir können darin nur einen großen Fehler machen, warnt Pinker: Wenn wir uns des Diskurses nicht mehr bedienen, um unsere Wahrheiten abzugleichen, haben wir gar keinen Boden mehr.

Genau dieses Abgleichen machen wir auch in der Organisationsentwicklung, aber das ist schon Methodik, die auf der Theorie („Wahrheit gründet sich im Kontakt“) ruht: Wir bringen verschiedene „Wahrheitsträger“ zueinander und geben ihnen die Chance, handhabbare gemeinsame Wahrheiten zu entwickeln. Wir tun dies, indem wir uns auf alle Fähigkeiten des Menschen verlassen, in Diskurs zu gehen – zum Beispiel die Fähigkeit, sich zu engagieren, einander zu- und abgeneigt zu sein, Widerstand und Konsens zu leben, zu verbinden und zu unterscheiden – und sich mit alldem zu entwickeln. Wir tun dies, indem wir uns nicht auf die vordergründigen Beschreibungen verlassen, sondern fragen, woher die Beschreibung kommt.

In der Gruppendynamik kommt noch ein ganz spezifisches Theorie- und Methodenset zur Verfügung, die uns erlaubt, diesen Kontakt auf sehr tiefer persönlicher Ebene zum Erkenntnisgewinn zu nutzen. Zum Beispiel können wir annehmen (vorsicht: Kuh!), dass wir unser Gegenüber nicht wahrnehmen können, sondern nur unsere eigene Regungen, wenn wir jemandem begegnen. Damit beziehen wir unseren gesamten Emotionalapparat in den Kontakt mit ein – er wird authentisch und stark.

Und natürlich hinterfragen wir uns selbst auch. Und wenn eine Kuh zu schnell wegläuft, dann ist die Milch meistens auch recht dünn.

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