Vor zwanzig Jahren waren es noch Unkenrufe, dass Auseinandersetzungen härter werden. Seit zehn Jahren sind sie konkrete, gut recherchierte und empirisch belegte Beschreibungen.

Wir können den Ukrainekrieg nämlich auch so lesen: Ein Riesenstaat mit dem BIP eines Zwerges, dessen primäre Geldquelle fossile Energien sind, die (wenn alles gut geht) in zwanzig Jahren nicht mehr gebraucht werden – so ein Land hat allen Grund, um seine Existenz zu fürchten. Wenn das Einzige, was dieses Land wirklich mächtig macht, ein großes Militär ist, dann ist es sinnvoll, dieses einzusetzen. Zynisch, gewissenlos – gewiss. Kurzsichtig (also dumm) außerdem, denn es löst das Problem nicht. Aber logisch, wenn die Phantasie besteht, dass man nicht anders kann. Die Welt stürzt sich in einen großen Change-Prozess, und da versucht einer, mit Bombenteppichen den Zug aufzuhalten (der viel zu langsam fährt, aber das ist eine andere Geschichte).

Change-Prozesse werden härter

Wir sehen das Härter-werden der Auseinandersetzungen auch in Organisationen: Wenn die Zukunft nicht mehr glänzend aussieht,  werden Win-Loose-Situationen rational: Ich gewinne auf deine Kosten. Leider werden die Kosten für Win-Loose-Situationen schneller existenziell als je zuvor, und das löst eine Menge wirklich „heißer“ Emotionen aus: Angst, Wut, und alle Handlungen, die daraus entstehen: Widerstand, Schuldzuweisungen, Narrative von Gut und Böse. „Der Kampf zwischen Dafür und Dagegen ist die schlimmste Krankheit des Geistes“, sagte der Philosoph Jianzhi Sent-ts’an vor 2.700 Jahren.

Wie kommen wir da raus?

Ich bin kürzlich auf die Theorie von „heißen“ und „kalten“ Kulturen gestoßen: „Heiß“ heißt: verändert sich schnell. „Kalt“ heißt: verändert sich langsam. Jede Kultur hat heiße und kalte Anteile. Die kalten liefern Stabilität – auf Kosten des Lernens. Die heißen lassen uns an Veränderungen schnell anpassen – auf Kosten der Stabilität.

Das Dilemma ist, dass Bewegung und Widerstand zugleich wachsen. Beide Kulturanteile werden stärker und damit unversöhnlicher. Das war auch mein Beitrag zur diesjährigen Arena-Analyse „ein harter Weg“ (der Bericht dazu in der Wochenzeitung „Die Zeit“ und im „Standard“): Die Transformationen werden deutlich konfliktuöser werden als bisher.

Wie kommen wir da raus? Mit Prozeskompetenz: Wir müssen Veränderung und Stabilität ausbalancieren, und mit den wachsenden Klüften zwischen „Gehen“ und „Bleiben“ umgehen. Zum Beispiel so:

In den Lernmodus wechseln

  • Als Erstes müssen wir „halten“ im Sinne des Bion’schen Containers (zu lesen hier). Wir gestalten einen Rahmen, in dem wir die Differenzen aushalten können, indem wir die Situation zumindest im Fluss halten.
  • Dann müssen wir die Ebene wechseln: Wenn wir die Situation mit unserem bestehenden Handlungsrepertoire nicht lösen können, müssen wir das Handlungsrepertoire erweitern.
  • Und dann müssen wir lernen – Schritte setzen, Ergebnisse auswerten, Verhalten anpassen – die systemische Schleife anwerfen.

Wenn schon ein Tritt, dann wenigstens nach vorn

Dann gelingt uns übrigens der Sprungbrett-Trick: Wir verwenden einen Stoß, um uns vorwärts zu bewegen.

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