Beratung ist eine „professionalisierte Dienstleistung“, habe ich hier geschrieben: Wir tun nichts für unsere Kundinnen, sondern alles mit ihnen. Das braucht eines: Im Kontakt eine Differenz aufrechterhalten. Es ist kein Zufall, dass die meiste (und alle gute) Standardliteratur zu Organisationsentwicklung zu einem deutlichen Teil gefüllt ist mit Fragen zu Moral, Werten und Haltung. Es hat damit zu tun, dass ja Menschen zu uns kommen, die mit ihren eigenen Haltungen in Schwierigkeiten stecken.

Es ist so leicht, eine Mehrheitshaltung einzunehmen, und so schwer, zu widerstehen – eine Abweichung auf Dauer innerlich wahrzunehmen, und sie vielleicht auch noch nach außen zu artikulieren. Es ist auch verständlich, warum das so ist: Wir Menschen sind auf Kooperation anderer Menschen angewiesen, und wir bemühen uns unterbewusst um Angleichung, mit einer großen Portion Bereitschaft zur Selbstaufgabe. Sichtbar ist die Abweichung ja immer: Wer in der eigenen Abteilung herumfragt, wer hier eine abweichende Meinung hat, erfährt zielsicher alle Namen, auch wenn er oder sie nie einen Ton dazu sagt. Es ist daher auch kein Wunder, dass wir leicht in Filterblasen geraten (weil wir uns angleichen) und sich diese voneinander wegbewegen (also „radikalisieren“), weil sie unsere Neigung, differenzierende Störsignale auszublenden, unterstützen.

Kultur und Hegemonie

In der Sprache der Organisationsentwicklung nennen wir das „Kultur“ – Edgar Schein beschreibt es mit „so, wie Dinge hier getan werden“. Aus der Soziologie haben wir den Begriff „Hegemonie“ dafür: Eine ubiqitäre Vorherrschaft, die ihre Macht primär aus einem Denkgebäude bezieht, das Handlung leitet und das wir nur unter äußersten Anstrengungen und unter Inkaufnahme großer Unsicherheit verlassen können: Hegemonie übt Macht aus. Margaret Thatcher hat der Hegemonie des Neoliberalismus den Begriff „TINA“ gegeben: There Is No Alternative. Antonio Gramsci hat diesem Phänomen den Begriff „kulturelle Hegemonie“ gegeben.

Ein alter Freund hat mich gestern auf einen Beitrag von Martin Schenk hingewiesen: Der autoritäre Pfad. Er zitiert einen Wissenschafter, der die autoritäre Wende in den Dreißiger Jahren dokumentiert hat:

Jeder Schritt war so winzig, so belanglos, so plausibel gerechtfertigt, dass auf täglicher Basis niemand verstand, was das Ganze im Prinzip bedeuten sollte, und wohin all diese ›winzigen Maßnahmen‹ eines Tages führen würden“. Das schrieb Milton Mayer in seiner Studie über Erfahrungen von Leuten der 1930er Jahre in Deutschland. Und weiter: „Auf täglicher Basis verstand es keiner, genau so wenig wie ein Bauer in seinem Feld sein Getreide von einem Tag auf den nächsten wachsen sieht. Jede Handlung ist aber schlimmer als die letzte, doch nur ein wenig schlimmer.“

Es ist wie der Frosch im Kochtopf: Wenn die Temperatur unmerklich steigt, verkocht das wechselwarme Tier, ohne zu bemerken, dass es rausspringen muss. Mein Vater berichtete, dass der zweite Weltkrieg damals kein solcher war: Es wären einzelne Feldzüge gewesen, die jede für sich ihre Logik hatten. Dass sie in ein solches Desaster führen würden, war ihm nicht klar.

So verändern sich kulturelle Hegemonien. Wann hat Thatcher’s „TINA“ aufgehört, zu wirken? Hat es? Und wie heißt das heutige TINA? Dass wir die Armen bekämpfen müssen statt die Armut, dass wir die Flüchtlinge bekämpfen müssen statt die Fluchtursachen? Dass wir die Grenzen dicht statt die Welt sicher machen müssen? Dass wir die Mächtigen befreien müssen und die Widerständigen zähmen?

Verengende Denkräume

Ich komme aus einer Zeit, in der die kulturelle Hegemonie der 1968er-Bewegung wirksam war. Da war viel Platz für das Individuelle am Menschen. Der Neoliberalismus hat dies schon bedeutend verengt auf eine „Gesellschaftskultur“, in der man alles sagen und sein darf, aber es nichts hilft – der ökonomische Zwang schränkt ein. Die neoliberale Hegemonie hat unseren Diskurs verengt auf soetwas wie „tu was du willst“ – auch wenn damit die halbe Welt in eine Wirtschaftskrise gerät.

Mit dem Rechtsruck werden nun die Denkräume richtig eng. Die unbeantworteten Fragen werden weniger, die Schuldigen werden mehr. Die Lösungen werden weniger, die vermeintlichen Retter werden mehr. Wer kritisiert, ist gleich der Feind. Im Umkehrschluss heißt das: sei ruhig gegenüber diesen neuen Mächtigen. Das alles kommt aus dem Drang, Angst vor Unsicherheit zu reduzieren. Ironischerweise tut es das Gegenteil: Angst und die Unsicherheit nehmen gerade zu.

In vielen Organisationen gärt es derzeit, wie sie sich zu dieser Regierung stellen sollen, zwischen ihrer Rolle als Interessenvertretung und ihrer Rolle als Wertegemeinschaften. Klar, dass diese Diskrepanz gären muss: Stellen wir uns gegen den Wind und riskieren, umgeblasen zu werden, oder surfen wir mit mit dem Risiko, ein Nagel auf dem eigenen Sarg zu werden? Es ist auch alles andere als leicht zu entscheiden. Als Person habe ich eine Meinung: „Wenn ich mich auch nur an den Anfang gewöhne, fang ich an mich an das Ende zu gewöhnen“, schrieb Erich Fried. Als Denker in und für Organisationen ist es viel schwieriger.

Es fällt mir jedenfalls schwieriger, Haltung zu bewahren und die Dissonanz auszuhalten. Zwei Dinge unterstützen mich dabei: Erstens, eine eigene Community zu haben, in der ich mich zu Hause fühle – eine Welt, bevölkert von Menschen, die offen sein möchten wie ich, unsicher wie ich, aufbrausen und ablachen wie ich, „mutig in die neuen Zeiten“ gehen wollen und oft nicht können wie ich. Zweitens: Pausen. Ich brauche Zeiten, in denen ich meine Wirbelsäule liegen lassen kann, ohne die mühsame Aufgabe, den Kopf oben zu halten.

Übrigens: Das Wiener Neujahrsbaby 2018 ist ein muslimisches Mädchen, gehalten von einer glücklichen Mama mit Kopftuch. Es wurde mit einem rechten Shitstorm begrüßt. Das zeigt uns was – aber das feiern wir normalerweise zu Weihnachten. Auch das scheint gerade aus unserem Denkraum zu verschwinden.

P.S.: Der zugehörige Solidaritätssturm („flowerrain“) ist übrigens hier. Nachtrag 14.9.2018: Und jetzt gibt es die erste Verurteilung wegen des Shitstorms deswegen.

Nachtrag 27.1.2018: Ein spannender Beitrag (Gastkommentar auf derstandard.at) darüber, wie sich gesellschaftliche Grundkonsense bilden und verändern findet sich hier. Benedikt Seidl schreibt: „Auch kein Verhalten ist politisches Verhalten“.

Noch ein Nachtragzum 15. Juni 2018: Der Schriftsteller Franco Bernadi hat in einem Standard-Kommentar beschrieben: „Die Demokratie ist tot“. Er beschreibt meiner Meinung nach sehr schlüssig ein mögliches Bild, wie es soweit hat kommen können.

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