Europapolitik

Der Bezahlt-wird-nicht-Tag

Der große Krach hat vieles hinweg gefegt. Was ist eigentlich passiert, dass die öffentlichen Dienste jetzt wirklich uns gehören? Ein Bericht aus der Zukunft. Ich stieß am Bezahltwirdnicht-Tag auf eine Gruppe von Frauen, die durch die Straßen zogen und das alte Lied von 1912 sangen: “gebt uns das Brot, doch gebt uns die Rosen auch“ (das Lied von Judy Collins gibt es übrigens hier). Da wurde mir klar, dass es um mehr geht, als nur darum, dass wir günstige und gute Verkehrsmittel haben. Mir wurde klar, wie satt wir es alle hatten. Wir hatten es satt, von Politik und Wirtschaft entweder als SteuerzahlerInnen, oder als KundInnen, oder als politische Störenfriede, oder als Wahlvolk oder nur einfach wie Luft behandelt zu werden. Wir wollten endlich nicht mehr in verschiedene Teile geschnitten werden, sondern die ganzen Menschen sein, die wir sind: Menschen mit Bedürfnissen und Hoffnungen, einem Herz zum Fühlen, einem Hirn zum Denken, und mit Mündern und Händen, um die verschiedenen Ebenen in absichtsvolles Handeln zu verwandeln. Wir wollten nicht nur leben. wir wollten das gute Leben.

Ich wollte schon immer mal Zukunftsbildern Leben geben – dadurch, dass ich aus der Zukunft erzähle. Es ist die Art, wie ich mich auch motiviere, weiter dran zu bleiben. Bilder, wie es in der Zukunft sein wird, bringen mich dazu, weiterzumachen, auch wenn ich es vielleicht gar nicht erlebe. Das Kapitel für dieses Buch ist der Bericht von einem kleinen Aufstand – die Bevölkerung weigerte sich plötzlich, Fahrgeld zu zahlen, und erfand einen neuen Feiertag. Den Bezahltwirdnicht-Tag. Die Geschichte erzählt, wie die Menschen einer Großstadt ihre öffentlichen Verkehrsmittel wieder zurückeroberten, und aus den Trümmern der Krise Schritt für Schritt neue Strukturen aufbauten: „Globalisierungsfreie Zonen“ für Öffentliche Grundversorgung, neue Unternehmens- und Partizipationsformen. Die Menschen trauten den Unternehmen nicht mehr, aber auch nicht dem Staat – sie trauten nur noch sich selbst, und echter Teilhabe. (Claus Faber)

Anmerkung aus dem Jahr 2015: Ich schrieb diesen Artikel 2009, und ich setzte die Handlung ins Jahr 2012. Das ist nun drei Jahre vorbei, und ich muss ehrlich zugeben: ich habe mich getäuscht: Dass aus der wilden Finanzkrise 2008 eine lang andauernde Krise unseres Staatswesens, unserer Politik, und vermutlich immer mehr unserer Gesellschaft werden würde – dafür war ich zu optimistisch. Und dass öffentliche Dienste noch immer von staatlicher in private Hand wechseln und nicht umgekehrt, das sieht man überdeutlich – weniger bei uns, aber z.B. in Griechenland. Colin Crouch nannte dies „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus„.

Das Attac-Buch: 224 Seiten; EUR 17,90 / sFr 32,00. ISBN: 9783701731299