Hoch oben, weit weg

Wandern zwischen den Viertausendern Europas, und das garantiert ohne Pickel und Steigeisen: im Aostatal. Der Tourismus hat zwar auch diese Region schon heimgesucht, aber noch immer gibt es genügend Platz zum Genießen und Loslassen. Nach Wunsch mit oder ohne Komfort, aber garantiert mit einem der schönsten Bergpanoramas in Europa.

Es ist früher Morgen, oder – eher noch: späte Nacht: Die Blaue Stunde kommt gerade. Die Zeit, in der noch alles schwarz ist, und der Himmel hinter dem Lichtermeer der Sterne langsam Farbe bekommt. Die Zeit, in der die erste Ahnung von Tag über den Horizont steigt.

Gestern bis spät abends (hier auf 3.200 m Seehöhe ist es lange hell) sind wir noch von Cogne heraufgegangen, zuerst durch die tiefen Kiefernwälder, dann über weite grüne Wiesen. Und auf dem letzten grünen Fleck vor Beginn der Fels- und Eiswüste sind wir mit unseren Schlafsäcken geblieben. Gegenüber schimmerte der Gletscher des Gran Paradiso im Abendlicht, eine warme Brise aus dem Aosta-Tal und eine kalte vom ewigen Eis hat uns umweht.

Es ist Nationalpark hier. Zelten im Freien ist verboten. Von Biwakieren ohne Zelt, im Tausend-Sterne-Hotel, hat hier niemand etwas gesagt, also was. Behaglich kuschle ich mich in den warmen Schlafsack, und atme die kalte Nachtluft ein. Aber was? Das riecht nach Vieh, genauer gesagt: es böckelt. Vieh, hier? Während ich noch darüber nachdenke, schnauft und rülpst es neben mir, keine zwei Meter entfernt. Schmatzend beginnt irgend ein Etwas neben mir wiederzukäuen. Vorsichtig hebe ich den Kopf. Es ist noch undurchdringlich schwarz am Boden. Und auch das Etwas schaut auf, starrt in meine Richtung, und die Silhouette eines grazilen Kopfes mit zwei riesigen geschwungenen Hörnern zeigt sich gegen den blauen Morgenhimmel. Wir liegen mitten in einer Herde von Steinböcken.

Land der Gegensätze

Das Aostatal ist ein besonderes Tal: Im großen, weiten Becken um den Bienenstock Aosta drängeln sich Dörfer, Höfe, Weingärten, alte Burgen, eine dicke Autobahn und ein Stahlwerk nebeneinander, als hätte sie irgendein dummer Zufall nebeneinander geschoben, und nun lernen sie, damit zu leben. Ein wenig die steilen Hänge hinauf stehen auf uralten gemauerten Terrassen Obstbäume, und wie an den Hang geklebte Höfe stehen dazwischen. Über den Hainen kommt der Wald, dann die Almen, dann der Fels, und ganz oben thront das ewige Eis. Wie der Perlenrand einer Krone stehen die höchsten und schönsten Berge Europas um das Tal: Der Monte Rosa, das Matterhorn (den man hier auf der Hinterseite „Cervino“, das Hörndl, nennt), der Gran Paradiso, und natürlich der Monarch der Berge: Der Montblanc. Es ist zwar anstrengend, aber ein faszinierendes Erlebnis, vom Talboden durch die verschiedenen Zonen hinaufzusteigen, bis man seinen Fuß in den ersten Schnee setzt. Je weiter oben, desto langsamer wird die Welt. Desto karger wird die Gegend, aber desto stärker wird man von ihr in den Bann gezogen. Hier ist gleichzeitig Sommer, Frühjahr und ewiger Winter.

Vier Kulturen, vier Sprachen

Das Aostatal liegt genau im Dreiländereck: Hinter mir ist die Schweiz, rechts liegt Frankreich, und unter mir Italien. Nirgendwo sonst drängen sich mehr Kulturen auf einem Fleck: Die ältesten Spuren stammen von den Salassern, einem keltischen Bergvolk. Einer ihrer Überreste ist ein magischer Steinkreis auf der Paßhöhe des Kleinen St. Bernhard. Heute braust der Verkehr mitten durch die alte Kultstätte. Sonst weiß man von den Salassern nur noch ihr blutiges Ende: Als die Römer schon längst das Land dies- und jenseits der Alpen erobert hatten, beschlossen sie, auch die Alpenpässe unter ihre Kontrolle zu bringen. Kein Kelte hat das Massaker überlebt. Die Römer brachten ihre Kultur mit, und gründeten die „Römische Stadt“ des Tales: Augusta Praetoria, das heutige Aosta. Mitten im Menschengewühl stehen noch die alten Stadtmauern, das Theater, Reste des Amphitheaters und des Forums, und nirgendwo sonst im Tal ist der südliche Einfluß so zu spüren.

Als das Römische Reich zerfiel, kamen die Savoyer aus Südfrankreich, nahmen sich das Tal und den ganzen Piemont. Und sie brachten ihre eigene Sprache mit, das Patois. Heute ist der alte Dialekt überall ausgestorben – außer im Aostatal. Hier sprechen ihn die Jungen wie die Alten. Verdrängt hat ihn französisch, das heute die meistgesprochene Sprache ist: „Ni au-delà ni en deça mais en dedans les monts“: Nicht dies- oder jenseits, sondern genau in den Bergen. Diese Inschrift steht heute noch am Rathaus auf der Place Chanoux: Das Aostatal hat sich seine französische Identität bewahrt. Italienisch ist selten im Tal und kommt kaum über den Talboden hinaus. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs ist das Aostatal eine eigene Region in Italien – die kleinste noch dazu: Diktator Mussolini schaffte mit seiner Manie der Italianisierung, was vorher noch niemand erreicht hatte: Aosta wollte sich abspalten und an Frankreich anschließen. Nur durch weitgehende Konzessionen (und dazu zählt auch das Regionalstatut) konnte man das Tal zum Bleiben überreden. Heute ist das Aostatal die reichste Region Italiens.

Kurioserweise wurde dieses Tal zuerst nicht von Süden aus der Po-Ebene besiedelt, sondern quer über die irrwitzig hohen Berge und Gletscher. Es waren die Walser, sagenumwobene Bergbewohner aus der Schweiz, die über den Theodulpaß neben dem Grauhaupt in das sonnige Tal zogen. Nach alter Walsersitte blieben sie oben auf den Bergen und in den Hochtälern. Und sie blieben, wie es ihre Art hatte, unter sich. Von Dorf zu Dorf zogen sie ganz oben am Waldrand lange Walserwege, auf denen sich heute trefflich wandern läßt. Sie brachten die dritte Sprache ins Aostatal: Walsertitsch, ein alemannischer Dialekt.

Überlaufene Berge, unberührte Natur

Die Valdostaner (So nennen sie sich selbst) machen aus den Natur- und Kulturschätzen, was jede Fremdenverkehrsregion versucht: Geld. Dabei ist dies nicht so leicht, wie es aussieht. So ist das Tal zwar von den schönsten Bergen Europas umgeben, aber die bekannte, touristische „Schokoladenseite“ zeigt in die Schweiz und nach Frankreich: Wegen der mediterranen Sonne hängt das große Kapital des Schitourismus (die Gletscher) nach Norden und Westen und ernährt die Nobelschiorte Zermatt, Saas Fee und Chamonix. Aber die Italiener können damit leben – sie bauten einfach eine Seilbahn hinüber ins lukrative Eis. So fährt man eben mit der Gondelbahn hinauf, fährt in der Schweiz Schi, und abends kommt man wieder herunter, das ganze Jahr hindurch. Auch daß der „König der Berge“ (der Mont Blanc) 300 Meter auf französischem Gebiet liegt, haben die Valdostaner verschmerzt: Über das Gletscherplateau führt eine Kette von Seilbahnen nach Frankreich.

Trotzdem: Im Vergleich zu anderen Regionen ist das Aostatal relativ verschont geblieben von den Segnungen des Massentourismus. Kurioserweise haben die wenigen Touristenzentren ihr gutes: Sie konzentrieren die Aufmerksamkeit auf wenige Orte und Seilbahnen. Die meisten Bergsteiger kommen mit Pickel und Steigeisen hierher und stehen um die bekannten Spitzen Schlange. Kaum jemand geht auf „unbedeutende Dreitausender“ wie die Testa Rossa, unter der wie die Steinböcke trafen. Ein Paradies für Wanderer, die es doch tun, die in die langen Seitentäler fahren, bis die Straße aus ist, und losgehen.

Es ist später Nachmittag im Valpelline, und eine Tagesetappe ist zu Ende. Die letzten Schritte zum Gasthaus fallen immer besonders schwer. Ein Bier, eine Dusche, ein Bett bitte. Und wenn mich nicht die letzten Sonnenstrahlen in der Nase kitzelten, dann würde ich jetzt wohl auf der warmen Hausbank einschlafen. Erst nach einem ganzen Tag in der Höhe, zwischen Steinen und Schnee, fällt auf, daß dort oben nichts riecht. Das Herunterkommen, der Duft des Waldes nach Moos und Schwammerl, der Geruch einer Orchidee und das Sausen des Windes in den Wipfeln ist jedesmal eine kleine Geburt. Nie wieder will ich weg hier. Bis morgen, dann werde ich mich wohl wieder nicht halten können, in meine Bergschuhe fahren, und wieder hinaufmüssen, auf die Almen zu den Rinderherden, zum ewigen Eis, und zum Panorama aus schwarzem Stein, weißem Schnee, blauem Himmel und grünen Wiesen, das mich einfach nie loslassen wird.

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erschienen im Österreichischen Reisemagazin.

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