Kürzlich stolperte ich über einen Kommentar von David Brooks, Kolumnist der New York Times („The Governing Cancer of Our Time„). Seine Analyse, mit der er das „Phänomen Trump“ entschlüsselt, könnte auch für uns zutreffen.

Er sagt: Es gibt zwei Möglichkeiten, eine große, diverse Gesellschaft zu managen: Entweder „Politik“ oder Diktatur. Mit „Politik“ meinte er Demokratie, mit Diktatur „brutale Gewalt“.

Demokratie heisst, zur Kenntnis zu nehmen, dass eine Menge Leute Unterschiedliches wollen und dass man am Ende mit weniger zufrieden sein muss, als man anfangs wollte. „Enttäuschung ist normal“, bescheibt es Brooks. Ich meine: Das ist das Wesen von friedlichem Zusammenleben.

Aber – und jetzt wird es interessant – wir driften weltweit in eine Richtung, in der das Draufhauen und Vernichten, das Aussperren und verrecken-lassen immer mehr zu einem salonfähigen politischen Instrument wird: In den USA gibt es zwei Parteien, die in sich wild gespalten sind, und die miteinander praktisch nicht mehr reden. Putin und der Westen zündeln in Afghanistan, Irak und Syrien um die Wette, und wenn dann Millionen aus der Hölle flüchten, zündet die österreichische Innenministerin eine Allianz an Staaten an, die die Menschen im Schlamm und Schnee im Niemandsland stecken lassen. Ein sozialdemokratischer Verteidigungsminister verstärkt den Assistenzeinsatz des Bundesheers (hier geht eine Armee gegen flüchtende ZivilistInnen vor!) und benützt sogar unsere Militärflieger, um sie loszuwerden.

Von der Rhetorik wollen wir da noch gar nicht mal sprechen.

Abseits der Regierungspolitik tut sich noch viel Beängstigenderes: Gestützt durch neue Medien, driften immer mehr unzusammenhängende Communities in eine desinformierte Scheinwelt ab – Die FPÖ und noch rechtere Recken bedienen sie gezielt mit Falschinformationen, Gerüchten und Interpretationen, sodass sie soetwas wie überprüfte Wirklichkeiten nicht mehr glauben. Verschwörungstheorien sind groß in Mode derzeit. Mittlerweile gibt es in den sozialen Netzen eine Menge Menschen, die regelmäßig gezielte Shitstorms loslassen. Gegen Handelsketten wegen Halal-Fleisch, gegen eine Bank wegen spezifischer Angebote für Menschen islamischen Glaubens, gegen ein kreuzbraves Eltern-Magazin wegen des Fotos einer Mutter mit Kopftuch. Und sie haben Erfolg damit – die Betroffenen zucken zurück.

Sind wir in einer Zeit angelangt, in der Demokratie nicht mehr zugetraut wird, unser Zusammenleben zu regeln? Es sieht so aus.

Da stinkt was, was woanders gemacht wurde: Tatsächlich scheint es, als ob die Arme der Demokratie nicht mehr richtig an die Hebel reichen. Technokraten verordnen uns Pensionskürzungen, zwingen Griechenland in ein unwürdiges Schuldenkarussell, und niemand wird gefragt. Das TINA-Argument („There Is No Alternative“ – ein berüchtigter Ausspruch von Margaret Thatcher) eilt von Erfolg zu Erfolg. Das ist das Wesen von Postdemokratie. Diese Ohnmacht macht wütend, und Wut lässt zum Prügel greifen.

Auf die Gefahr hin, altmodisch zu klingen: Unsere Väter haben den ersten Versuch der Demokratie in Millionen Toten untergehen sehen. Wir sollten es nicht nochmal soweit kommen lassen. Wenn wir also den Prügel wieder weglegen wollen, dann müssen wir uns Gedanken machen, wie Demokratie wieder an die Hebel kommt. Auch wenn das furchtbar kompliziert ist.

(Bildnachweis: Rufus46 auf Wikimedia Commons)

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