Vor kurzem war ich zu Gast bei den pioneers of change – AbsolventInnen eines „Lerngangs“ („Lehren“ tun sie nicht, aus Eigendefinition) aus dem Brutkasten der Nachhaltigkeits-BeraterInnen von plenum. Die Teilnehmenden lernen in einem Jahr das Finden und Aufbauen einer eigenen Idee, eines eigenen Unternehmens zum Thema Zukunft und Nachhaltigkeit.Was sie diesen Abend beschäftigt hat: Teil welcher größeren Geschichte sind wir? Was ist es, wovon wir Teil sind?

Was mich nun beschäftigt: Warum beschäftigt sie das?

Gute Gründe, Teil von etwas Großem zu sein

Nicht, dass einem nichts einfiele. Menschen sind „sinnsuchende Wesen“, die nach etwas streben, „was nicht wieder sie selbst sind“, also ein Außen, ein Drittes, eine Welt (sagten Viktor Frankl und Jacob Moreno). Menschen streben (sagt Kurt Lewin) nach Zugehörigkeit, denn diese gibt ihnen Richtung und Orientierung für absichtsvolles Handeln.

Aber da steht auch etwas im Wege: Pionier zu sein, heisst ja eben auch leider, vorne weg zu sein. Und das ist nun wieder nicht gerade „mitten drin“. Also Pionier ist man ja immer in dem Spannungsfeld, seine eigene Zugehörigkeit immer unter einen gewissen Stress zu setzen: Wenn ich ganz dazugehörte, wäre ich kein Pionier, weil ich dort wäre, wo alle anderen auch sind. Wenn ich ganz weg bin, dann bin ich kein Pionier, weil ich meinen Bezug verloren habe.

(Natürlich ist das „vorne weg“ ein Werturteil: Wer weiß in dieser Zeit schon, was „vorne“ ist. Aber sagen wir mal: „vorne weg“ als eine der vielen „Vorne’s“, von denen uns erst nachträglich klar sein wird, was „vorne“ gewesen ist. Aber egal – das ist nur eine Nebenbemerkung.)

Und irgendwie kann ich nachvollziehen, dass so ein „Pionier-sein“ bei allem Inspirierenden und Stärkenden auch mal ganz ungemütlich sein kann – muss ich doch dabei in der Lage sein, Ambivalenz auszuhalten.

Ambivalenz aushalten

Ambivalenz? Das heisst in diesem Fall: Das eine nicht, und das andere auch nicht, aber auch nicht keins von beidem. Es geht darum, einen Schwebezustand aus verschiedenen Bezogenheiten (einerseits auf eine Gesellschaft, in der wir leben, andererseits auf ein Ziel, auf das wir zustreben) auszuhalten. Und nicht nur passiv auszuhalten (das hätte was von „erleiden“), sondern aktiv zu begreifen und zu managen.

Müssen wir das nicht irgendwie alle? Ist die Bezogenheit zwischen meinem Berufs-Ich (das sich entwickeln will, das weiterkommen will) und meinem Privat-Ich (mit PartnerIn und Kind/ern) nicht auch eine ganz ordentliche Ambivalenz?

Sicher. Sie kann größer oder kleiner sein, aber letzten Endes ist sie eine. Und dann kommen noch dutzende weitere dazu. Das Leben besteht aus ihnen.

Was können wir also lernen, wenn wir uns entwickeln wollen (und auf dieses Thema komme ich immer wieder zurück)? Wenn wir uns entwickeln wollen, müssen wir uns in diese Ambivalenzen hinein wagen. Wir werden dadurch lernen, größere Spannungen auszuhalten. Und das ermöglicht uns: Pole zusammen zu halten, die weiter entfernt voneinander sind. Das ermöglicht, Brücken zu bauen.

Als Begleiter und Berater von Pionieren habe noch einen besonderen Job: Ich habe die Aufgabe, das jeweils stärker Ausgeblendete im Blick zu behalten. Sei es, die Verbindung zum Mainstream nicht aus dem Blick zu verlieren, sei es, sich nicht vom Mainstream von der Außensicht abzuhalten, die Perspektiven bietet.

Wenn sich Organisationen entwickeln, dann gibt es tendenziell pioneers, early followers, late followers und never followers. Pioneers wissen, wo sie hin wollen. Early followers sind die ersten, die sich auf den Weg machen, bei dem ein mögliches Scheitern inbegriffen ist. Late followers kommen mit, wenn das Scheitern unwahrscheinlich ist. Never followers kommen sowieso nie mit. Wo ist der richtige Platz des Organisationsentwicklers? Bei den early followers, und immer mit wachem Auge auf die Schnittstelle vor und hinter ihnen.

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