Kürzlich stieß ich bei Recherchen auf das Consortium for Strategic Communication: Einem think tank, dessen Hauptfinanzquellen das US-Militär ist. Kein Wunder bei dem, was sie tun: Sie beschäftigen sich mit hoher Qualität damit, Geschichte auf den US-Kriegsschauplätzen im Nahen osten zu – nunja – „interpretieren“, soll heissen: So darstellen, dass die Amerikaner nicht ganz so schlecht aussehen.

Abgesehen von dem haut-goût, den das hat, bleibt aber die interessante Frage: Wie machen sie das? Und gelingt es auch wirklich? Und was können jene (wie ich) davon lernen, die einen emanzipatorischen, kritischen und reflektierten Zugang haben (hm, wollen)? Eine Menge.

Kommunikation ist nicht „Sender-Empfänger“

Das ist das Erste, was die Kommunikationsstrategen sagen, ist: Wir können nicht davon ausgehen, dass Menschen beim Hören einer Botschaft dasselbe erleben wie jene Menschen, die sie sagen. Als Beispiel dient ihr ein Vortrag einer US-Amerikanerin vor saudiarabischen Studentinnen: Die Amerikanerin sagte: Es sei Teil ihrer Freiheit, Auto fahren zu können. Sie komme damit weiter, es hätte Einfluss auf ihre Karriere und ihr Leben. Die Saudi-Frauen reagierten mit Ablehnung: Sie sahen nicht die Freiheit, sondern das Oberlehrerhafte, die Okrtruyierung – auf die Sachebene der Aussage kamen sie gar nicht.

„Narratives“ stehen – so die CSC – in einem kulturellen und institutionellen Kontext: Geschichten treffen auf Gegenwart – auf Verarbeitungs- und Interpretationsmaschinen. So konnte es sein, dass die grauenhaften Fotos des getöteten Al-Quaida-Anführers Abu Musab al-Zarqawi zu diametral unterschiedlichen Geschichten geführt haben: Die konservative US-Elite hatte ihren Sieg im „Krieg gegen den Terror“. Der restlichen westlichen Welt war der Tod weitgehend egal, und die arabische Welt hatte einen Held und Märtyrer – sie feierten seinen Tod ebenso (der Artikel der CSC ist übrigens hier).

Das an sich ist ja noch relativ einfach – Schon Friedemann Schulz von Thun beschrieb die „vier Ohren„, die in jeder Botschaft versteckt sind: 1) Was sage ich über die Sache? 2) Was sage ich über mich selbst? 3) Was sage ich über dich und meine Beziehung zu dir? 4) Was sage ich, dass du tun sollst – was ist der Appell?

Spannend ist, was das alles mit Geschichtenerzählen zu tun hat.

Die „Große Geschichte“

Alle großen politischen Bewegungen haben eine „Große Geschichte“ zu erzählen, die von Helden und Bösen, von Siegen und Niederlagen, von Prüfung, Selbsterkenntnis und Reinigung erzählt. Diese Geschichten sind wichtig – wofür?

Denker wie Jean-François Lyotard beschrieben den Zweck der „Großen Geschichte“ nicht in der Erklärung von Vergangenem, sondern in der Legitimierung des Gegenwärtigen. Aus dem heraus wächst auch sein tiefes Misstrauen daran: Die großen Narrative sind Herrschaftsinstrumente, und wir sollten an ihrer Dekonstruktion arbeiten, nicht an ihrer Konstruktion.

Konstruktion oder Dekonstruktion der Geschichte?

Das mag sein, aber brauchen wir nicht alle unsere „großen Geschichten“? Stellen Sie sich folgende vor:

1997 riss eine gigantische Spekulationswelle Südostasien in die Krise. Der Chefredakteur der in acht Sprachen erscheinenden „Le Monde diplomatique“, Ignacio Ramonet, publizierte daraufhin im Dezember 1997 einen Aufruf zur Kontrolle der Finanzmärkte. Die Zeitung titelte „Désarmer les Marchés“ – Die Märkte entwaffnen. Und er schrieb darin: „Warum gründen wir nicht eine weltweite Organisation, die sich für die Einhebung einer Tobinsteuer zugunsten der Menschen einsetzt?“ In den Tagen danach ertrank die Redaktion unter Waschkörben von Beitrittserklärungen – zu einer Organisation, die es noch gar nicht gab. Erst 1998 wurde Die „Association pour une taxation des transactions financières pour l´aide aux citoyens“ gegründet – Attac war geboren.

Diese Geschichte ist auch eine „große Geschichte“ – wenn auch viel kleiner als jene von Gandhi oder jener von der „Eroberung“ Nordamerikas und der Welt. Aber sie ist eine Geschichte. Und wie jede Geschichte ist sie ein bisschen richtig und ein bisschen falsch. Es gibt Ignacio Ramonet und die Monde Diplomatique. Es gibt sogar den Artikel. Aber – 1997 war nicht die erste wilde Finanzkrise, und es gab natürlich schon vorher eine Menge kritische Stimmen gegen die Finanzmärkte, und wer weiß schon wirklich, wieviele Waschkörbe wann und wo eintrafen. Aber die Geschichte hilft uns, Teil von etwas Großem zu sein.

(Ich erzähle sie gerne, weil ich mich als ein kleiner Teil dieser Geschichte fühle – ich habe im November 2000 im oberösterreichischen Molln Attac Österreich mitgegründet – dafür sind Geschichten gut!).

Wenn wir also den emanzipatorischen Zugang weiter verfolgen, dann heisst das für uns als Denkhypothese folgendes:

  1. „Große Geschichten“ brauchen wir, weil wir Menschen sind. Weil wir Struktur- und Gemeinschaft- und Sinnsuchende Wesen sind, die gemeinsam die Welt aus den Angeln heben – nunja: wollen, und manchmal auch können. „Never doubt, that a small group of committed people can change the world. Indeed, it is the only way it ever has“, sagte die amerikanische Anthropologin Margaret Mead.
  2. „Große Geschichten“ sind geeignet, uns dahingehend zu motivieren, Dinge zu tun, die wir uns nie träumen ließen, im Guten wie im Schlechten: Sie haben Millionen von Indern dazu gebracht, mit Hilfe von gewaltloser Nichtkooperation die britische Besatzung loszuwerden, weil sie einen hatten, der vorausging. Sie haben Millionen von Deutschen dazu gebracht, Massenmord zu verüben und den größten Krieg der Geschichte anzuzetteln, weil einer vorausging. Sie befreiten Millionen Menschen in Südafrika, weil es einen gab, der dafür ins Gefängnis ging und nicht aufgab.
  3. „Große Geschichten“ brauchen die Möglichkeit, sie zu hinterfragen, zu dekonstruieren, um zu überprüfen: ist das eine Geschichte über das Gute? Ist das noch meine Geschichte? Will ich Teil davon sein?
  4. Noch mehr: Wir sollten in der Lage sein, „Große Geschichten“ als das wahrzunehmen, was sie sind: Geschichten, nicht Fakten. Konstruktion, nicht Wirklichkeit. Wir sollten uns dazu befähigen, den dahinterliegenden Wertekanon, Herrschafts- und Gestaltungsanspruch zu entkleiden, und die Hegemonie, die sie entfalten kann.

Die jüngste Publikation des CSC trägt übrigens den Titel: „Narrating the Exit from Afghanistan„: Es geht darum, wie die USA ihren Rückzug aus dem Trümmerhaufen so erzählen können, dass er wie ein Sieg aussieht. Verquerer Gedanke.

Kleines Update August 2014: Ich war in Venedig und besuchte den Dogenpalast. Dort prangt über dem Ausgang des Senatssaals ein riesiges Bildnis, eine Allegorie (leider war Fotografieren verboten): Ein Löwe, angestachelt von einer Frau, springt einen Stier an, der sich des Angriffs nicht erwehren kann und sich abwendet. Interessant ist die Geschichte dahinter: Venedig (der Löwe) führte Krieg gegen eine europäische Allianz (der Stier), angeführt von Genua, und verlor. Aber es erholte sich wieder. Die Allegorie erzählt, wie der Löwe den Angriff der Allianz zurückweist, und seine Größe und Stärke wahrt. Geschichte umzuschreiben ist wirklich nichts neues.

P.S.: Ich arbeite an einem Konzept zur Weiterbildung im politischen Kontext, wie wir mit der „Großen Geschichte“ umgehen – wie wir sie erzählen, was sie mit uns und Anderen macht, und in welchen Geschichten wir leben. Interesse? Kontakt!

Update September 2016: Diese Weiterbildung gibt es mittlerweile, z.B. auf der NEOS Summer School 2016. Doris Hager-Hämmerle hat einen Blog dazu geschrieben – mehr dazu hier!

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