Der G20-Gipfel hätte es wieder bewiesen: Trump sei ein Dummkopf, international isoliert. So wird es überall in Europa geschrieben. Mag ja auch sein, aber die Frage stellt sich: Ist das nicht auch wieder eine Inszenierung?

Wir haben es uns bequem eingerichtet darin, uns über den amerikanischen Präsidenten zu echauffieren. Er liefert uns auch täglich das Material dazu: Das CNN-Video, seine unzähligen Tweets mit teils haarsträubenden Rechtschreibfehlern, sein nachgewiesenes Unverständnis von so ziemlich allem, was ein Präsident so wissen und können müsste.

Nun, als Berater bin ich es gewohnt, den Blick zu drehen: mich abzuwenden von dem, der da poltert, und hinzusehen, wo zugesehen wird. Das ergibt deutlich mehr Informationen über das System, in dem wir so stecken.

Die Inszenierung eines Narzissten

  • Zum Einen sehen wir eine Menge Leute, die in dem Tölpel im Außen ihre eigene Gutheit erkennen. „Man sollte nicht so tun, als ob Trump der Böse und wir die Guten sind“, sagte Ulrich Brand im Standard. Psychologisch passiert hier Verdrängung. Wir blenden damit ein Stück der Gegenwart aus, dass die Eliten Europas ja genauso Teil des Problems sind. Wir blenden damit auch ein Stück der Geschichte aus – eine Geschichte einer globalisierten Welt, die ob all ihrer Machtfülle und „Ordnung“ in erschreckender Weise versagt hat, zentrale Überlebensfaktoren (wie z.B. das Klima) angemessen zu berücksichtigen.
  • Zum Anderen sehen wir eine Menge Leute in den USA, die Trump ob seiner Rüpelei zujubeln. Alleine sein „CNN“-Video sammelte 5 Millionen Likes auf facebook in 24 Stunden. Da gibt es also eine große Minderheit in den USA, die das richtig super finden, was Trump hier aufführt.

„Aufführung“ ist hier wohl das richtige Wort. Trump hat sein Leben lang inszeniert, und das gehört zum Wesen seiner vermuteten narzisstischen Persönlichkeitsstörung, meint eine Menge amerikanischer PsychotherapeutInnen (so gelesen hier in der „Zeit“)

Die Inszenierung des Narzissten

Wenn wir nun schon den Blick abwenden vom Narzissten selbst, dann können wir aber auch gleich noch ein wenig weiter dahinter blicken, und da drängt sich mir folgende Frage auf: Wird Trump selbst inszeniert?

Wenn wir die letzten zehn bis fünfzehn Jahre amerikanische Politikgeschichte zurückblicken, dann können wir den schleichenden Aufstig nachgerade reaktionärer Kräfte in den Olymp der Republikaner nachvollziehen. Ganz vorne dabei war jenes lose Netzwerk, das sich als „Tea Party“ zusammengefunden hat. Diese Leute haben eine klare, extrem reaktionäre politische Agenda. Ein brisantes Forschungsergebnis zur Illustration: Wenn man deklarierte ParteigängerInnen von Demokraten und Republikanern fragt, wie sehr sie ihre eigene Partei lieben, so blieben diese Werte über die letzten zwanzig Jahre relativ stabil bei etwas über 80%. Wenn man sie fragte, inwieweit sie die jeweilige andere Partei hassten, so sieht man: Dieser Wert hat sich im selben Zeitraum erheblich verschoben, von unter einem Drittel auf mehr als zwei Drittel (steht hier). Kurz: Die Gräben sind richtig tief geworden.

Und nun? Was besseres als Donald Trump konnte der Tea Party gar nicht passieren. Während er vorne die Aufmerksamkeit absammelt (die sein Narziss braucht), können sie in Ruhe arbeiten.

Der britische Politikwissenschafter Colin Crouch hat die These vom postdemokratischen Zeitalter geprägt: Der Zeit, in der wir zwar noch Wahlen haben, aber diese keinen Wechsel der Politik mehr bringen, sondern lediglich die Eliten abwechseln, die doch immerzu das Gleiche tun. Crouch’s These stammt aus der Hochzeit der Globalisierung, in der sozialdemokratische wie konservative Regierungen gleichermaßen Sozialleistungen strichen, Märkte liberalisierten und Staatsvermögen verkauften. Sie alle folgten einer schmalen neoliberalen Elite, die sich in Kaffeekränzchen wie dem World Economic Forum trafen, wo sie die Staatschefs antanzen ließen wie auf einem Laufsteg.

Viele (auch ich) glaubten, dass mit dem Aufstieg der Potentaten und Populisten wie Orban, Kazyński, Putin, Erdogan und wie sie alle heißen, die Postdemokratie vorbei sei. Wer weiß, was nun folgen würde.

Vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht hat sich nur der Charakter der Verstecktheit der Politik verändert.

Wenn wir in die USA blicken, dann arbeiten nämlich die Republikaner seelenruhig an einer großen und nachhaltigen gesellschaftlichen Wende. Mit Hilfe ihres narzisstischen Präsidenten verschärfen sie gerade die Wahlgesetze, um jene „Randgruppen“ aus dem Wahlrecht zu drängen, die primär demokratisch wählen würden. Mit seiner Hilfe sägen sie gerade leise das Bisschen Wohlfahrtsstaat in Stücke, das die Demokraten geschaffen haben. Von verschärften Waffengesetzen keine Spur, und davon, dass eine Person eine gleiche Stimme hätte, da sei mal Gott vor – ein reaktionärer, unerbittlicher Gott ohne Barmherzigkeit. Eine Menge neoliberale Wirtschaftstreibende haben gegen diesen Kurs nicht viel einzuwenden, denn es ermöglicht weitere Umverteilung von unten nach oben im Schatten eines Kasperls, der das falsche Krokodil haut.

Vielleicht ist ja Trump selbst Teil einer Inszenierung, die er nichteinmal begreift: Als einer, der mit seinen Ruderbewegungen das Wasser so trübt, dass nichts mehr klar erkennbar ist – wo Wahrheiten beliebig werden (das Weiße Haus nennt diese „alternative Fakten“), und die Genese von Politik noch ein Stück mehr in der Unkenntlichkeit versinkt als zu Zeiten der klassischen Postdemokratie.

Und wie steht es übrigens um jene „Liste Kurz“, älteren Semestern noch als „ÖVP“ bekannt (der Scherz stammt übrigens von hier)? Er fordert Fotos auf der e-card, dessen Kosten den Betrug übersteigen (sagt der Hauptverband), aber er hat aufgetrumpft. Soetwas nennt Trump vermutlich „bold action“. Diese Form der Inszenierung macht scheinbar Schule.

Aber wie immer sollten wir auf uns selbst blicken, wenn wir anfangen, uns zu echauffieren.

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