Wenn alle in die Berge gehen, dann müssten wir alle zu Hause bleiben. Augenmaß wird gebraucht.

Ich höre sie nie kommen. Plötzlich sind sie da, schwirren sonder Zahl fingerbreit neben mir vorbei, kettenrasselnd und Urlaute ausstoßend, mit ihren Hi-Tech-Bikes über alles hüpfend, was sich in den Weg stellt: Unsere radelnden Individualisten. Alle gleich bunt, alle ein Stypropor-Schwammerl am Haupt, und urtoll. Mich reißen sie aus meinem Sinnieren über Gott, die Welt und die Stille des Waldes.

Vor der Hütte treffe ich sie dann wieder, stolz, ein Bier in der Hand und über die Vorteile des AXV-Lenkers fachsimpelnd. Aber ja, sie sind umweltbewußt, sind auch beim Alpenverein, sie fahren schonend, nie abseits der Wege und immer ganz leise. Richtig, kann ich bestätigen.

Es ist ja nicht das Problem, daß hin und wieder ein bunter Pfeil vorbeizieht. Es ist die Masse. Seitdem das „Beikn“ Mode ist, findet sich dafür schlicht eine Bezeichnung: untragbar. Mein MTB hat seit 7 Jahren meinen Radlstall auf Nimmerwiedersehen verlassen. Dabei will ich ihnen gar nichts vorwerfen, sind doch die Motive, die unsere Wege kreuzen lassen, durchaus ähnlich: Beide wollen wir raus aus der lebensfeindlichen Umgebung unserer Städte, beide lieben wir Natur und schöpfen Energie darin. Für beide ist die Kombination Bewegung, Berge, Natur mehr als Sport: Es ist Lebensauffassung. Bergsteigen betreibt man nicht, Bergsteiger ist man.

Ist es ein Problem des Bergradelns? Nein. Es ist ein Problem der Masse.

Bergaktivität ist zum überwiegenden Teil ein Mengenproblem: Millionen von Mineraliensuchern würden jeden Berg zerklopfen, Millionen von Kletterern jedes Steindl mit Magnesia und „Naachkommen“-Rufen überziehen, und Millionen von ganz normalen braven Wanderern würden jede Alm zertrampeln. Im Frühstau zu Berge wir ziehn. Desgleichen mit den hunderten anderen Sportarten am Berg. Der Basissatz des Kant‘schen kategorischen Imperativs kehrt sich ins absurde. Wer in den Bergen so handeln will, daß alle dieses tun dürften, sollte schlichtweg daheimbleiben. Das geht auch, wenns alle tun.

Lange, lange Zeit war dieser Gedanke geradezu verpönt. Der Alpenverein feierte einst die Glocknerstraße enthusiastisch mit, heute verordnet er einen Ausbaustopp der Hütten und saniert mit horrenden Summen den Dreck derer, die er auch durch eigene Propaganda dorthin gebracht hat. Eine bemerkenswerte Einsicht und auch mutig.

Ein Ansatz aus der Systemtheorie begründet, wie das System Lebensraum Berg mit allen Beteiligten (Bewohnern und Besuchern) heute überhaupt noch funktioniert: Ökologische Systeme funktionieren nur durch Heterogenität, durch unzählige verschiedene Aktivitäten, von denen keine das erträgliche Maß überschreitet. Tu alles, was du willst, solange es nicht zuviele tun.

Der Mensch hat einen Nachteil: Er kreiert Moden. Einige wenige erarbeiten sich mit viel Mühe und Esprit eine neue Art des Umgangs mit dem Berg: Runterfliegen, runterschwimmen, raufradeln. Unzählige machen es nach und zertrampeln buchstäblich das Biotop, deswegen sie kommen. Eine jede Mode trägt ihr Ende und ihre Mutation bereits in sich: Tuns zuviele, führt sie sich selbst ad ab-surdum.

Moden lassen sich nicht verbieten. Moden lassen sich nur mit sehr viel Mühe steuern. Nicht einmal der Alpenverein ist dazu wirklich in der Lage. Aber Stellungnahmen, Richtlinien, Gesetze machen den Fehler, den sie vorgeben, zu lösen: Sie generalisieren und stören das heterogene System Berg von der anderen Seite.

Was uns fehlt, sind nicht Gesetze. Was uns fehlt, ist Verständnis. Verständnis für die Welt da draussen, in der wir allsonntags herumlatschen. Verständnis heißt Verantwortung für sich selbst. Verantwortung für das, was ich tue und was mein Handeln anrichtet. Es geht weniger um das Handeln der anderen, es geht um meines. Und um deines. Wann und wohin und mit wieviel hundert Menschen latscht du auf den nächsten Berg?

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erschienen in den AV-Mitteilungen und im Reisemagazin 07/1998

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