Ich gebe ehrlich zu: Ich habe das ganze Ding mit Facebook und sozialen Netzen verschlafen. Rund um mich herum schwelgen Privatmenschen in tausenden Likes und BeratungskollegInnen schwärmen von Beratung über Internet, und ich kann noch immer nicht sagen, was das bringen soll. Ich habe einen altmodischen Newsletter, den ich sogar gerne auf Papier verschicken würde. Ein wenig hat mich im vergangenen Jahr das Gefühl beschlichen: Freund der Berge, da verschläfst du einen Zug der Zeit, der mal dein Arbeitsmodell ablösen wird, und du wirst es nicht mal verstehen.

Und dann lese ich folgendes:

1) Postfaktische Netze

Eine Menge Leute bei facebook haben ernste Sorgen mit social bots. Für jene wie mich, die erst lernen mussten, was das ist: das sind Textroboter, die nach intelligenten Algoritmen in sozialen Netzen posten, um mit dem Masseneffekt Trends zu manipulieren. Nachdem der US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders um das Rennen der demokratischen Kandidatur ausgeschieden war, schafften es solche Roboter, mit einer Lawine gut gezielter Postings viele seine AnhängerInnen zu NichtwählerInnen (statt Clinton-WählerInnen) zu machen(1).

Facebook ist also durchsetzt mit Maschinen, die uns an der Nase herumführen. Das ist das Gegenteil eines „sozialen Netzes“ mit seinen Fähigkeiten, „checks and balances“ zu bieten. Und sie nähren zumindest bei mir den Generalverdacht, dass es mal günstig ist, nichts auf facebook so einfach zu glauben.

Dieses Phänomen sattelt damit auf einen Trend auf, den soziale Medien ohnehin schon haben, und zwar den Trend des „Postfaktischen“: „Emotion und Ratio sind zwei gleichberechtigt nebeneinander stehende Erkenntnisquellen geworden“, sagte Johannes Vogel(2) – man kann wählen, welcher einem besser gefällt. Das lässt die Aufklärung baufällig werden: Deren Erlaubnis, alles zu hinterfragen, bis es hält, ist eine der wichtigsten Grundlagen unserer Welt. Kürzlich hörte ich wieder eine unglaublich blöde Verschwörungstheorie, und nachdem ich die Stirn runzelte, bekam ich als Quelle ein Posting auf facebook, das sein bester Freund geshared hat, und der ist ja kein Blöder nicht.

2) Die Rückkehr des Offlinigen

In der Zeit (ja, dieses papiererne Ding, das sich in der U-Bahn auf Grund seiner schieren Größe nicht lesen lässt) stand, dass der Absatz von Mal- und Zeichenbedarf von 2015 auf 2016 um 80 Prozent gestiegen ist, der von Plattenspielern um ein Drittel, und dass die großen Plattenlabels mit Vinyl (Marktanteil 2015: 6%) mehr Geld verdienen als mit allen Streamingdiensten(3).

Die Zeit schreibt, dass das ein neuer Zug der Zeit ist, der mit „Selbstwirksamkeit“ erklärt werden kann: Das Eigene haben – das Besondere, das ich erleben, erspüren, erfassen kann. Worüber ich traurig sein kann, wenn ich es verliere (verliere ich mein Telefon, kaufe ich ein neues, stecke es an, und es ist auf das Pixel identisch wie vorher) und ich mich freue, wenn ich es wiederfinde. Meine Nähmaschine (ein 100% mechanisches Ganzmetallding) hat einen Namen und ich höre auf sie, ob sie nicht Pflege braucht.

Unsere Offline-Räume

Ich frage mich selbst, was es für mich ausmacht, dass ich Menschen lieber in Präsenz sehe, ihnen die Hand gebe und mit allen meinen Sinnen wahrnehme. Es ist nichts technisches. Es ist die Lust auf Begegnung, und weil ich merke, dass dieser direkte Kontakt soviel befriedigender, beglückender, und (professionell gesprochen) auch wirksamer ist. Die Sinnlichkeit des sozialen Kontakts ist eine der wesentlichen Grundlagen, um etwas zuwege zu bringen. Ganz andere Formen von „likes“ sind da möglich.

In Organisationen haben wir es aber per Definitionem mit Strukturen zu tun, die ohne persönlichen Kontakt wirken. Genau deswegen geht es in der Organisationsentwicklung darum, den richtigen, wirksamen Kontakt herzustellen, denn nur darüber werden Veränderungen wirklich wirksam. Und oft vergessen wir, dass wir diese Kontakte ja haben – in der Kaffeeküche, in der Umkleide, im Aufenthaltsraum. Ein Grund mehr, diesen Räumen ganz banal physisch mehr Beachtung zu schenken, und Organisationsveränderung zum Beispiel über die Gestaltung dieser Räume zu bewirken. Das ist nämlich oft ganz einfach.

Beim Coaching ist das so eine Sache, die mit dem Arbeitsparadigma zusammenhängt. Ich arbeite mit einer Methodik, die auf Beziehung beruht. Beziehung heißt, gegenseitige authentische Anteilnahme und Empathie auf Augenhöhe zu entwickeln. Es erlaubt mir, dahinter zu blicken, zu verstehen, mit meinem Kunden zusammen als eine Person mit verschiedenen Identitäten zu denken. Es ermöglicht uns Analyse  im Sinn eines tieferen Verstehens. Beziehung bildet sich nicht in einem 10-Minuten-Date. In meiner Praxis sehe ich: 80% der Menschen, die zu mir kommen, haben Probleme, weil sie zu schnell sind. Mit ihnen in 10 oder 20 Minuten eine Lösung zu entwickeln, geht an ihrem zentralen Dilemma vorbei. Ich finde nicht, dass 10-Minuten-Coachings sinnlos wären. Ich arbeite nur nicht so. Es ist mir zuwenig.

Was immer soziale Netze können: Nachhaltig wirksamer sind wir offline.

Nicht, dass uns diese Trends in sozialen Netzen egal sein könnten. Sie haben bewirkt, dass ein sexistischer Knacker mit narzistischer Deformation Präsident wird und vieles mehr. Aber vielleicht gibt die Diagnose Anlass zu etwas mehr Entspanntheit. Ich bin dann mal beruhigt und fühle mich mit meinem Moleskine-Notizbüchlein und meinem Parker-Füller (entgegen aller Empfehlungen selbst zerlegt und repariert) nachgerade modern.

Und vielleicht weiß ich nur einfach noch immer nicht, was mir dabei entgeht, und dieser Artikel ist haarsträubend kurzsichtig. Warum soll ich keine blinden Flecken haben.

Wenn Sie mit mir gerne über dieses Thema reden möchten – gerne! Bei einer Tasse Kaffee, vielleicht an einem speckigen kühlen Steintisch in einem Wiener oder Linzer Kaffeehaus. Vielleicht schreiben Sie mir ja eine Grußkarte mit einem Terminvorschlag. Ich bin da nämlich der Offline-Beziehungs-Typ.

Anhang

Nein, es geht nun mal leider nicht, einen Blog mit der Hand zu schreiben – Sie würden meine Klaue (siehe Bild oben) nicht gerne lesen wollen. Aber immerhin, Fußnoten statt Hyperlinks dürfen es mal sein:

  1. Bernie Sanders findet sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Bernie_Sanders. Der Bericht über die Manipulation seines Accounts auf facebook findet sich hier: http://www.huffingtonpost.com/entry/bernie-sanders-fake-news-russia_us_58c34d97e4b0ed71826cdb36.
  2. Johannes Vogel ist der Direktor des Berliner Naturkundlichen Museums, und sein Interview mit diesem Satz steht in der Zeit Nr. 16/2016 vom 12. April auf Seite 30.
  3. Lesen Sie die Zeit doch auf Papier: Es ist die Nr. 16/2016 vom 12. April, der Artikel ist auf Seite 22. Schreiben Sie mir Ihre Adresse. Auf den ersten Brief schneide ich den Artikel aus und schicke ihn Ihnen zu.
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