Menschen sind zu uns gekommen – um hier zu bleiben, zumindest für einige Zeit. Nicht, dass das was Neues ist: 1956/57 kamen rund 180.000 Ungarn und Ungarinnen nach Österreich. 18.000 davon sind geblieben. 1968 kamen 162.000 Menschen aus der damaligen Tschechoslowakei, 90.000 sind geblieben. 1991/92 kamen 90.000 Menschen aus Bosnien und Kroatien, 60.000 blieben. Der Unterschied ist: Jetzt haben wir ein Klima der Angst – Angst vor dem Abstieg.

Das geht uns oft so, auch und gerade in Organisationen. Wenn immer „Neue“ daherkommen, entstehen fixe Bilder, wird stereotypisiert und eingekastelt. Das Gute daran ist: Es vermittelt uns Sicherheit und Ordnung. Das Schlechte daran ist: Diese Sicherheit ist trügerisch (weil sie nicht stimmt) und schädlich (weil wir Entwicklung verhindern).

Vorurteile verhindern Entwicklung

Warum verhindern solche Vorurteile Entwicklung? Weil fixe falsche Vorstellungen den Blick dafür verstellen, was uns prägt, und deswegen können wir Veränderungen nicht nützen. Wir sind Getriebene der Veränderung. Kennen Sie den Spruch: „Das Schicksal prägt alle Menschen – manche führt es, manche zerrt es“?

Es geht in allen Veränderungen nämlich darum, „mit dem Neuen fertig zu werden“, anstatt „das Andere fertig zu machen“.

Wenn etwas Neues oder jemand Neue/r kommt, entsteht eine Neubildung von Kultur. Natürlich löst es Abstoßungs- und Ablehnungseffekte aus, aber wir sollten sie als Information über das System begreifen, nicht als Hinderungsgrund, dem zu folgen ist.

Zukunft bedroht eben. Dann nehmen wir sie wenigstens ernst.

Neues gefährdet bestehende Orientierung, und Orientierungsverlust macht Angst, und Angst bewirkt Reaktionen. Nur ist die ganze Zukunft eine einzige Bedrohung unserer Orientierung.

Damit sind wir bei zwei Ästen meiner Arbeit – gerade auch in Organisationen und Teams:

  1. Wie gehen wir mit dem Anderen, dem Fremden um? Wir müssen es nicht mögen, aber – und das vergessen wir oft – wir brauchen es auch. Wir brauchen diesen Blick von Außen, der das Innen stört und bewegt, sonst verfolgen wir irgendwann nicht mehr unseren Sinn, und dann sind wir irrelevant. Hier geht es darum, Irritation zu erleben, auszuhalten und zu nützen.
  2. Wie gehen wir damit um, dass Zukunft kraft Definitionem unsicher ist? Wir stellen wir uns auf für die Vielfalt der Zukunften, die uns blüht? Das ist Strategiearbeit.

Meine These: Wir müssen kontra-intuitiv handeln: Wenn unsere Scheuklappen zuklappen, müssen wir besonders gut hinsehen. Es ist die Unsicherheit und Ordnungslosigkeit in uns, die am stärksten aus der Handlungsfähigkeit katapultiert – stärker als die Zukunft selbst. Und so unangenehm das ist – gegen die Handlungsunfähigkeit können wir was tun, denn wir selbst haben uns in der Hand.

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