Das Baskenland kommt dann in unser Bewußtsein, wenn die Terrororganisation ETA wieder einmal Bomben wirft. Daß der kleine Landstrich am Golf von Biskaya eine kleine, grüne Oase ist, weiß man nur, wenn man hinfährt.

Routiniert rückt er mir gegenüber seiner Brasse zuleibe, während ich noch versuche, meiner drohenden Niederlage zu entkommen. Schau mal, sagt er: Zuerst die Rücken- und Bauchgräten abziehen (und das mir, der ich mich vor einer Forelle fürchte), dann an der Seitenlinie öffnen und einfach abheben. Einfach? Er läßt sich nicht beirren. Dann (er nimmt gerade ein Stück genießerisch in den Mund), dann kannst du das Rückgrat einfach herausheben. Das geht übrigens nur beim frischen baskischen Fisch, beeilt er sich hinzuzufügen, und deutet durchs Fenster auf den Hafen, der in der Sonne leuchtet. Bei tiefgefrorenem Zeug (heftiges Nasenrümpfen) fällt dir das Vieh auseinander. Halt, fährt er mich an, das darfst du doch nicht wegwerfen, als ich gerade den Fischkopf auf den Beistellteller balanciere. Mit einer halben Drehung seines Messers hebt er die Wange des Fisches heraus und hält sie mir hin. Da, das ist doch das zarteste an dem ganzen.

Baskischer Fisch aus der Biskaya ist der beste überhaupt, nickt er heftig, die Mittelmeerfische wissen ja nichteinmal, was ein ordentliches Meer ist. Über dem Hafen geht gerade ein Wolkenbruch nieder. Und schon ist er wieder bei der Politik.

Das, was die ETA da jetzt macht, das geht zu weit. Jetzt bringen sie schon unsere eigenen Leute um. Spanier meinetwegen, Militär, Guardia Civil, Politiker. Aber doch keine Basken, da hört sich der Spaß auf. Nur weil sie bei der spanischen Partido Popular sind. Wir haben auch einen konservativen Gemeinderat hier, sagt er. Ich mag seine Partei nicht, die PP verrät das freie Baskenland. Aber umbringen? Ich kenne ihn doch.

Vor zwei Stunden erst habe ich ihn kennengelernt, als ich vor dem Gemeindehaus stand, auf dem ein großes Transparent prangt: „bakea behar dugo“. Ahja, und das heißt? Wir wollen Frieden, hat mir ein gemütlicher Mittvierziger in farbenfleckigen Jeans und zerrissenem Turnleiberl erklärt. Etwas später am Hafen hat er sich vorgestellt: Gestatten, Kepa. Bürgermeister. Ogni Etorri. Was? Das heißt Willkommen, sagt er, das ist unsere Sprache. Gefällt es dir hier? Kommst du zum Mittagessen?

Spanien? Das beginnt erst 150 Kilometer von hier. Er ist Baske, kein Spanier. Aber da gehen die Meinungen auseinander, erklärt er mir: manche sagen auch, sie seien zuerst Basken und dann Spanier. Und irgendwo gibt es auch Leute, die sagen, daß die Basken Spanier sind, wie die Katalanen oder die Andalusier. Aber das hört er garnicht gerne. Die sind meistens weit weg, sagt er und deutet über die Schulter in Richtung Madrid, so wie der spanische Innenminister Jaime Mayor Oreja, selbst ein Baske. Eine Schande nennt er sie.

ETA? Die war schon gut, ohne die hätten wir jetzt immer noch eine Diktatur, sagt mir der Bürgermeister des kleinen Fischerdorfes. Hätten die ETA-Leute damals nicht den Nachfolger von Franco abgemurkst, dann wäre Spanien wohl noch immer vom Militär regiert. Aber jetzt brauchen wir sie nicht mehr. Wir wollen zwar noch immer das gleiche, ein freies Baskenland, aber bitte friedlich, nach 15 Jahren Demokratie. Plötzlich wird er wütend: Seit 400 Jahren bekommen wir eins über die Rübe, weil wir anders sind, weil wir baskisch sprechen statt spanisch, und uns Pelota wichtiger ist als ein Stierkampf. Und weil sie Dickschädel sind, denke ich mir leise. Sie sind die letzten, die sich zum Christentum bekehren ließen, und keiner weiß, wann das war. Und sie werden wohl die letzten sein, die es verlieren. Dabei sind sie offenherzige, freundliche, lachende Dickschädel. Bei denen Gäste noch nicht Routine sind (denn wer fährt schon in so ein Land), und bei denen das Essen zu Hause angeblich das beste von ganz Spanien ist.

Dabei waren wir zuerst hier, fällt er mir in die Gedanken. Alle Völker sind irgendwann von irgendwo hergekommen. Wir waren immer schon da. Hast du die Höhlenmalereien in Altamira bei Santander gesehen, fragt er mich, während ich den Fisch zwischen den Gräten nicht mehr finde. Ist nur zwei Stunden von hier. Fünfzehntausend Jahre alt, das sind unsere Vorfahren. Zu dieser Zeit haben die Spanier noch nichteinmal gewußt, was lateinisch ist. Der Regen über dem Hafen ist in ein Nieseln übergegangen.

Zwei Bissen später (die Sonne glitzert wieder in den Pfützen) ist er wieder versöhnt. Dabei ist doch alles so einfach, sagt er mir: Sieh mal: Da ist das Meer. Unser Reichtum, unsere Arbeit, unsere Liebe und unser Tod. Da sind die Berge mit den Wiesen für unsere Schafe. Da ist der Spielplatz für die Pelota, gleich an der Rückwand der Kirche. Und hier – unsere Küche, unser Fisch, unser Wein: Baskischer Rioja, sagt er, und wirkt ganz verklärt. Das ist unser Land. Ist das nicht wundervoll?

Ist es. Nur der wundervolle Fisch – der ist mittlerweile kalt geworden.

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